Umfrage :
Gebt ihm Zeit, dem bedingt gelungenen Cebit-Festival

Aus der einst größten Messe sollte ein Festival werden. Doch an das Vorbild SXSW kamen die Verantwortlichen nicht heran. Aber vielleicht braucht das noch etwas Zeit, wie Kreative sagen.  

Text: Leif Pellikan

Cebit Campus - hier auf der Bühne spielten Compressorhead und Jan Delay
Cebit Campus - hier auf der Bühne spielten Compressorhead und Jan Delay

Die Computermesse Cebit sollte in diesem Jahr erstmals ein Festival werden. So ganz hat der neue Ansatz der einstmals weltgrößten Messe noch nicht geklappt. Oliver Frese, Vorstand der Deutschen Messe AG, sieht die gesteckten Ziele jedoch erreicht. 

Erstmals fand die Cebit im Sommermonat Juni statt im Schneeregen des März statt. 120.000 Menschen sind laut der Deutschen Messe gekommen. 2017 waren es 200.000 Besucher. Zu Hochzeiten um die Jahrtausendwende hatte die Messe einst bis zu 800.000 Besucher gezählt, seither gingen die Zahlen nach unten. 

Deshalb gab es dieses Jahr ein Festival. Als Vorbild dient der Cebit die SXSW in Austin, Texas. Eine große Freifläche, Streetfood-Ständen, ein Cloud-Lifter von IBM, eine Surfwelle von Intel, Konzerte mit Mando Diao und Jan Delay sowie ein Riesenrad von SAP sollten vor allem eines machen: Spaß. Daneben sollte die Zielgruppe verjüngt werden (mehr hierzu von den Kollegen von Lead).

Unter dem Strich ist dies bedingt geglückt, so der allgemeine Tenor. W&V hat bei der Designagentur Mutabor und bei der Digitalagentur Aperto (IBM ix) gefragt, ob das Festival-Konzept funktionieren kann. 

"Zeichen der Zeit erkannt"

Mutabor war unter anderem mit CCO Heinrich Paravicini und CEO Johannes Plass vertreten. "Die Verantwortlichen der Cebit haben die Zeichen der Zeit erkannt und sich auf die Bedürfnisse von neuen Zielgruppen einstellt", sagt Plass. Aber der Vergleich der Events sei eigentlich unzulässig: "Die SXSW kommt kulturell aus einem Musik- und Medien-Festival, dass sich um Technologiemarken-Inhalte erweitert hat, aber immer ein urbanes Festival in der ganzen Stadt war. Dass dieses Konzept die Top-Köpfe der Silicon-Valley-Industrie anzieht, hat mit genau diesem Werdegang zu tun.

Die Cebit war und ist eine Mixtur aus B2B und B2C Format, das immer als Messe gedacht war. Dieses Format nun durch Festival-Elemente wie Konzerte zu bereichern, reicht nicht aus, um es mit dem globalen Leit-Event SXSW zu vergleichen." Stellt sich die Frage, ob sich die Verjüngung bemerkbar macht? Plass sagt dazu: "Als Festival mit neuen Konferenz- und Start-up-Formaten macht die Cebit den Besuchern neue Angebote, Inhalte aufzunehmen."

Nur müssen jetzt auch die Unternehmen mitmachen. Paravicini sieht hier Verbessungsbedarf: "Die Aussteller haben das neue Konzept unterschiedlich stark angenommen." Ihr Kunde Vodafone unterstützte das neue Konzept der neuen Cebit. "Im Vergleich zum letzten Jahr haben sie ihre Fläche von etwa 2.000 auf 6.500 Quadratmeter erheblich vergrößert. Das gesamte Designkonzept orientiert sich an Begriffen wie 'offen, flexibel und anfassbar'."

Damit verabschiedet sich Vodafone vom geschlossenen, architektonischen Messepalast und öffnet sich. Paravicini sagt: "mehr Expo denn Messe. Mehr individuelles Erleben denn Massenbeschallung. Auch bei Intel geht es ums Erlebnis: Wer möchte, kann auf einer künstlichen Welle im Freigelände reiten. Ein weiteres Paradebeispiel für den neuen Messecharakter ist SAP, die im Zentrum ihres Messestandes ein Riesenrad positioniert haben und damit ein Landmark der neuen CeBIT schafften."

Macht sich die Verjüngung positiv oder negativ bemerkbar? Plass glaubt, der neue Zeitslot mit der Stimmung des aktuellen Jahrhundert-Sommers, in Kombination mit Veranstaltungen außerhalb der Messehallen, seien ein riesiger Gewinn. "Ich sehe das Ganze erst einmal ausschließlich positiv."

"Honoriert den Schritt nach vorne"

Daniel Simon, CCO Aperto/IBM iX sieht es ebenfalls positiv optimistisch: "Vorweg: Leider fehlt für ein Festival etwas Sonne. Die Cebit wird leider so schnell keine SXSW oder eines der anderen Events werden, die gerne zum Vergleich herangezogen werden. So was braucht einen Moment mehr Zeit. Was ich mir wünschen würde: weniger (deutsche) Skepsis und Voreingenommenheit, wenn sich etwas neu erfindet. Gebt Reinvention eine echte Chance, honoriert den Schritt nach vorne. Und vor allem: Kommt her und schaut es euch selber an. Das hätte ich mir von unserer Kanzlerin auch gewünscht, wenn gleich Herr Altmeier in Vertretung wahrscheinlich seine beste Rede zur Lage der digitalen Nation gehalten hat. Das war spitze."

Bei IBM mitten auf dem Messegelände sei durchgängig sehr viel los, sagt Simon. "Nur spielt das Wetter nicht mit und etwas mehr Besucher könnten es generell auch sein. Denn die Themen und Inhalte der Cebit sind durchwegs super. Salesforce bespielt beispielsweise eine ganze Halle mit vielen Topics, die sich die Europäer eigentlich anschauen sollten, wenn man sich die Dreamforce in San Francisco  nicht leisten möchte oder kann." Die Hausmesse von Salesforce war mit zuletzt 170.000 Besuchern sogar größer als die Cebit. 

Simon betont, das die Besuchspflicht auch für Hannover gelte: "Das gilt für jede Menge andere Aussteller mit ihren Themen ebenso. Ich frage mich wirklich, warum nicht mehr hier sind. Denn genau so ein Format braucht es in Europa und das Messegelände ist angenehm, weil geräumig und super angebunden – viel besser als z.B. die Dmexco in Köln. Dort ist es zu laut und alle positionieren sich ähnlich."

Auf der Cebit im IBM Cloud Lifter: Daniel Simon von Aperto

Auf der Cebit im IBM Cloud Lifter: Daniel Simon von Aperto

Daniel Simon ist nicht ganz unvoreingenommen. Er ist mit der Agentur Aperto und der IBM iX Agenturfamilie erstmals mit einem großen Bereich am IBM Stand dabei. Die Location des Standes ist anders als in früheren Jahren in einer Messehalle nun mittendrin, unter dem Expo-Dach gleich gegenüber vom Festivalgelände. Sein Blick rundherum: der IBM Cloud Lifter (hebt Besucher in rund 70 Meter Höhe), das SAP Riesenrad, die Intel Surfwelle, Liegestühle und die große Bühne wo am Abend Jan Delay auftreten wird.


Autor:

Leif Pellikan
Leif Pellikan

ist Redakteur beim Kontakter und bei W&V. Er hat sich den Ruf des Lötkolbens erworben - wenn es technisch oder neudeutsch programmatisch wird, kennt er die Antworten. Wenn nicht, fragt er in Interviews bei Leuten wie Larry Page, Sergey Brin oder Yannick Bolloré nach.