Eine App für alles :
Was wir von WeChat lernen können - und was nicht

"Nur" etwas mehr als eine Milliarde aktiv Nutzer: Noch wirkt WeChat im Vergleich zu Facebook fast mickrig. Aber mit ihrer kompromisslosen Customer Centricity ist die Allzweck-App aus China eine Klasse für sich - und eine kommende digitale Weltmacht.

Text: W&V Redaktion

Chinesische Studenten in Shanghai: WeChat ist allgegenwärtig und allmächtig.
Chinesische Studenten in Shanghai: WeChat ist allgegenwärtig und allmächtig.

Was Amazon, Apple, Facebook (WhatsApp, Instagram), Google oder Microsoft hierzulande und im Rest der Welt veranstalten, wirkt im direkten Vergleich mit WeChat wie ein digitaler Kindergarten. Der Messenger ist längst zur Allround-App mutiert und ein elementarer Bestandteil im Leben vieler Chinesen. Der dahinterstehende Tencent-Konzern ist ein Börsenschwergewicht mit einem Marktwert von 500 Milliarden US-Dollar und gehört damit zu den fünf wertvollsten Unternehmen der Welt.

Erinnert sich noch jemand an ICQ, MSN oder AIM? In der Zeit, in der diese mittlerweile dahinsiechenden oder längst gestorbenen Messenger die heimischen PCs eroberten, baute sich auch Tencent mit QQ eine riesige Nutzer-Basis auf. Doch während die US-amerikanischen Konkurrenten den Wandel zum mobilen Endgerät und die damit einhergehende Attacke durch WhatsApp & Co. nicht überlebten, gibt es den populären chinesischen QQ-Messenger heute noch, Wēixìn aka WeChat entwickelte das Unternehmen parallel dazu.

Mittlerweile hat die App eine Milliarde monatlich aktive Nutzer, im März wurde die magische Grenze durchbrochen. Klingt im Vergleich zu Facebook “wenig”? Weit gefehlt: circa 60 Prozent der Chinesen sind online, also benutzt wirklich jeder WeChat, denn 98 Prozent der Bürger gehen mobil ins Netz.

Eine App für alles

Will man dieses Phänomen verstehen, ist das angesichts eines momentan nur eingeschränkt möglichen Gebrauchs außerhalb Chinas schwierig. Die App deckt in ihrer Funktionsvielfalt einfach jeden erdenklichen Lebensbereich ab und schafft damit das, wovon sich insbesondere Facebook und Google in einer beinahe ratlos wirkenden Weise vor langer Zeit verabschiedet haben. Während es bei den Silicon-Valley-Konkurrenten mehrere unterschiedliche, aus gelegentlich nur schwer nachvollziehbaren Gründen kaum miteinander verknüpfte Apps für jeden Anwendungsbereich gibt, positioniert sich WeChat als Allrounder. Damit gelingt den Chinesen ein Spagat, in mehrerlei Hinsicht.

Zum einen konkurriert man nicht mit den eigenen Anwendungen im Kampf um den wertvollen Platz auf dem “Home-Screen” des Nutzers. Das WeChat-Icon befindet sich dort, als sei es in die Display-Oberfläche der chinesischen Smartphones eingebrannt. Zum anderen muss sich Tencent um Apps für bestimmte Ziel- und Altersgruppen überhaupt keine Gedanken machen. Vom 12-jährigen Schüler bis zum 90-jährigen Greis vereint WeChat die gesamte Bevölkerung, weil man einfach alles mit ihr erledigt.

Beim Payment ist WeChat unschlagbar

Wer über die ohnehin schon mächtige Messenger-Komponente von WeChat von einem Film erfährt, kann sich einen Daumenklick weiter mit seinen Freunden zum Kinobesuch verabreden. Abgemacht, einer reserviert und bezahlt die Karten - beides via WeChat Pay, denn selbstverständlich beherrscht das Kino diesen Vorgang. Arzttermine vereinbaren, die Telefonrechnung bezahlen  - kein Problem. Audionachrichten, Videotelefonate, Multimedia-Inhalte, Kontaktinformationen oder Aufenthaltsort teilen, navigieren oder recherchieren, ein Taxi bestellen - selbstverständlich, ja.

Mit dem eigenen Bezahldienst hat Tencent den entscheidenden Schritt gemacht, durch den WeChat auch für kommerzielle Anbieter interessant wurde. Die App wird mit dem eigenen Bankkonto verknüpft, fertig. Wirklich jedes Restaurant, jeder Supermarkt, jeder Vermieter, jeder chinesische Konzern, jeder Handwerker, jeder Taxifahrer und jeder Wochenmarkt-Verkäufer akzeptiert Zahlungen, die Nutzer via WeChat tätigen wollen.

Während nicht einmal Cupertino mit “Apple Pay” in die Gänge kommt und wir uns hierzulande an bakterienverseuchte Geldscheine festklammern, gehören Mobile Payment und Micro Payment in China - vor allem dank WeChat - zum Alltag.

QR-Codes? Doch, Sie haben richtig gehört.

Und jetzt kommt der Knaller: Bezahlt wird in diesen Fällen mit …QR-Codes! Und zwar wechselseitig: Entweder generiert WeChat einen QR-Code, der z.B. an der Supermarkt-oder Kino-Kasse eingescannt wird - oder man scannt mit der Kamera seines eigenen Smartphones den QR-Code ein, der einem vom Verkäufer präsentiert wird. Betrag bestätigen, fertig. Welche Bedeutung QR-Codes für WeChat haben kann man leicht über die Web-Plattform des Dienstes überprüfen, auch dort prangt das hierzulande (warum auch immer) verpönte Kästchen.

WeChat Pay könnte zur Schlüsselapplikation bei den weltweiten Expansionsplänen des Unternehmens werden und den ziemlich schleppend fortschreitenden Bezahldiensten der Konkurrenz Probleme bereiten. Ein paar skeptische Finanzaufsichtsbeamte stehen  hunderttausenden chinesischen Touristen gegenüber, die sich bereits heute als “Missionare” betätigen, wenn sie den (noch) verdutzten Kellner in New York oder Rio de Janeiro fragen, ob sie auch mobil mit ihrer Lieblings-App bezahlen können. Wer wiederum womit auch immer den chinesischen Markt beliefern will kommt um WeChat Pay ohnehin kaum herum.

WeChat als Betriebssystem für den Alltag

Genau genommen besitzt WeChat längst den Status eines Smartphone-Betriebssystems. Der Google Play Store, weltweit die erste Anlaufstelle für alle erdenklichen Apps, ist in China gesperrt. Nachdem sich der US-amerikanische Internetkonzern mit der Regierung überworfen hatte, scheiterten mehrere Anläufe für einen Relaunch. Und dennoch geben Chinesen jährlich umgerechnet 35 Milliarden US-Dollar für und in “Apps” aus - nämlich vorzugsweise dann, wenn sie an WeChat andocken.

In die App, die längst keine App mehr ist, können sich momentan rund eine halben Milliarde Erweiterungen einklinken. Streaming-Dienste, Car oder Bike Sharing, the next big thing - an WeChat geht als zugrundeliegender "Social Layer" kaum ein Weg vorbei.

App allmächtig

Die Kehrseite der Funktionsvielfalt und Omnipräsenz? WeChat respektive Tencent weiß alles über seine Nutzer. Die Betreiber der App müssen den gesetzlichen Vorgaben entsprechend alles preisgeben, was eine dazu befugte Regierungsbehörde anfragt. Der via WeChat digitalisierte und via integrierter ID-Card identifizierte Bürger zahlt mit seinem “Wohlverhalten” innerhalb der App auf seinen “Social Score” ein, den die chinesische Regierung seit geraumer Zeit etabliert. Peking weiß, was man kauft und isst, wer stets pünktlich seine Rechnungen bezahlt, mit wem man sich wo trifft - und welche Bilder man sich anschaut.


Autor:

W&V Redaktion
W&V Redaktion

Nicht alle W&V-Artikel erscheinen unter dem Namen eines einzelnen Autors. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum Artikel mit „W&V-Redaktion“ gekennzeichnet sind. Zum Beispiel, wenn mehrere Autoren daran mitgearbeitet haben oder wenn es sich um einen rein nachrichtlichen Text ohne zusätzliche Informationen handelt. Wie auch immer: Die redaktionellen Standards von W&V gelten für jeden einzelnen Artikel.