Argirakos: Wieso Fehler? Die Digitalisierung führt auf mehreren Ebenen zu radikalen Veränderungen, die man berücksichtigen muss, wenn man nicht aussterben will. Und wir verändern uns lieber an der Spitze des Erfolgs, damit wir auch dort bleiben.

Hündgen: Ein Fehler wäre es, die Änderungen nicht zu erkennen und fröhlich das Pferd bis zum Exitus zu reiten.

Was plant ihr für 2019?

Hündgen: Zunächst mal müssen wir 2018 überleben.

Das klingt dramatisch.

Hündgen: Und wie. Jedes Jahr Preisverleihung und Großevent ist ein Drama. Nicht nur vor, sondern immer auch hinter den Kulissen. Nur will nie jemand darüber reden. Über Geld, Eitelkeiten und den Zwang, es allen Recht machen zu müssen.

Welche Konsequenz zieht ihr daraus?

Hündgen: Wieder mehr auf die eigenen Ideen und Stärken konzentrieren. Zu oft verderben zu viele Köche den Brei. Auch bei uns ist mit den Jahren ein Gericht herausgekommen, das vieles war: Groß, übersättigend, gewohnt. Doch darum geht es nicht beim Webvideopreis.

Eure Stärke war immer der Award.

Argirakos: Und diese Stärke werden wir ausbauen. Allerdings schneiden wir dafür alte Zöpfe ab und springen schon dieses Jahr auf ein anderes Medium. Statt Prosecco in Düsseldorf gibt es erstmals ein Inhaltefeuerwerk auf Public Video; und das bundesweit und drei Wochen lang. Der Webvideopreis 2018 findet ab morgen statt.

Wie sieht das genau aus?

Hündgen: Wenn du so willst, drehen wir klassische Gala-Elemente durch den Fleischwolf und zimmern die auf fast 4000 Flächen in ganz Deutschland.

Klingt innovativ. Aber wie interaktiv ist es?

Argirakos: Wir haben für den Out-of-Home-Screen mehrere kleine Stories entwickelt, die wir auf unserem Second Screen Social Media weiterspielen. Nicht einfach nur den Inhalt spiegeln, sondern die Geschichten weitererzählen. Beispiel: Ohne echten Red Carpet hat unser Red-Carpet-Moderator nicht mehr viel zu tun. Also sucht er sich im Rahmen des "neuen" Webvideopreises einen neuen Job. Und da soll die Community mithelfen.

Wie wird das konkret funktionieren?

Argirakos: Wir denken den Webvideopreis erstmalig als eine große Kampagne - mit mehreren kleinen verschachtelten Kampagnen darin. Wir werden also unseren Red-Carpet-Moderator Daniele Rizzo durchaus auf den Red Carpe schicken. Nur eben auf eine Stele. Und nachdem die Arbeit am Red Carpet ohne Ton - weil halt Stele - nicht wie bekannt funktioniert, informieren wir die Zuschauer da draußen, wie das neue Berufsleben des Moderators aussieht. Einzelne Public-Clips fungieren demnach als Story-Anker.

Hündgen: Wenn man genau hinschaut, sieht man übrigens durchaus einige Parallelen zu einem Social-Media-Hit-Format: 10 Sekunden Länge, geht auch ohne Ton, vertikales Video-Format...

Argirakos: Wir nennen es übrigens "Public Video Vertical Storytelling"

Das setzt voraus, dass die Leute freiwillig vor den Bildschirmen bleiben.

Hündgen: Die zahlreichen 10-Sekünder laufen in den nächsten Wochen so häufig, dass ich mir da keine Sorgen mache. Und trotzdem: Wir werden die Clips mehrfach verwerten - in längere Videos eingebettet, in eigene Instagram-Stories verpackt. Und generell halte ich das Thema Aufmerksamkeit bei Public Video für ausbaufähig: Werbung mag man nicht gern schauen am Bahnhof. Aber vielleicht Ausschnitte der Webvideopreis-Gewinner? Da gehen wir sogar bewusst auf 30-Sekunden pro Gewinner.

Argirakos: Vielleicht nochmal ganz deutlich: Wir "missbrauchen" die Werbeflächen für redaktionelle Inhalte. Und da glaube ich fest daran, dass wir dort auch über neue Nutzungsszenarien reden.

Hündgen: Wir stecken mitten in der Vorweihnachtszeit - und wo erreiche ich dann besonders viele junge Menschen? In den Shopping Malls. Und genau dort werden wir an Samstagen einen Fokus drauf legen. Und ansonsten: der Weg zur Uni und zur Schule, die rush hour am Freitag... Das gehört auch zur Stärke dieses Mediums.

Ihr gehört seit 2016 zu Ströer. Wie redaktionell sind Inhalte einer Ströer-Tochter, die auf Ströer-Bildschirmen laufen?

Argirakos: Ich muss etwas ausholen: Wir arbeiten an diesem Projekt "Public Video Vertical Storytelling und WVP" seit 2015 - also schon vor der Beteiligung. Wir haben uns in den letzten Jahren an diese neue Version herangetastet. Zuletzt 2017 mit Barbara Schöneberger als  Moderatorin und Testimonial. Allerdings: Die brutal konsequente Entscheidung, den ganzen Webvideopreis einfach auf die Stelen zu hieven, ist dann erst im Spätsommer 2018 gefallen. Auch aufgrund unserer Analysen des Themas "Gala". Technisch ist das weitaus komplizierter als gedacht: Statt einer großen Kampagne mit wenigen einfachen Spots über eine lange Zeit frühstücken wir in nur drei Wochen über 100 speziell produzierte Clips ab - inklusive aufwendiger Mediaplanung dahinter. Dafür zeichnet klar Ströer verantwortlich - aber die komplette Konzeption und redaktionelle Hoheit lag und liegt von Beginn an bei uns. Das war auch damals Grundlage für die Beteiligung.

Wie ist euer Verhältnis zu Ströer? Respektiert man sich und lässt sich ansonsten in Ruhe oder gibt es bestimmte Vorgaben, die ihr erreichen müsst?

Argirakos: Wenn wir uns nicht respektieren würden, wären wir 2016 nicht gemeinsam ins Bett gegangen. Wir führen darüber hinaus eine durchaus moderne Ehe: Dass wir z.B. dieses Jahr eine Entwicklungspartnerschaft mit dem ZDF eingegangen sind und den Webvideopreis mit ZDFdigital umsetzen, wertet man in Köln zumindest nicht als Seitensprung.


Autor:

Frank Zimmer

Redaktionsleiter Online mit analogem Migrationshintergrund. Seit 1996 im Internet. Buchautor ("Der Social-Media-Rausch") und Blogger ("Mittelrheingold"). Interessiert sich für Content Marketing und digitale Transformation. Hat eine Schwäche für Agenturen, weil er mal in einer gearbeitet hat.