Er befürwortet das niederländische Modell: Dort muss ein Arbeitgeber belegen, dass wichtige Gründe gegen das Arbeiten von Zuhause sprechen. Fortmanns Vision geht jedoch weit darüber hinaus: "Es wäre noch zu kurz gedacht, wenn wir hier nur die rechtliche Grundlage für ortsunabhängiges Arbeiten schaffen. Diese Reform muss im Einklang mit dem Wunsch nach einer Work-Life-Integration der Arbeitnehmer unter Berücksichtigung der Belange der Arbeitgeber erfolgen", so Fortmann. Das betreffe etwa auch das Abschaffen der 40-Stunden-Woche zu Gunsten einer Jahresarbeitszeit – analog zur Reform in der Schweiz.

Die Verlagerung ins Home Office ist nicht nur in Kreativ- und Digitalfirmen eine Option. Die Digitalisierung hat massiven Einfluss auf die Wahl der Arbeitsmittel, so die Erkenntnis der Hans-Böckler-Stiftung.  

Diese Arbeitsformen sind verbreitet:

Hans-Böckler-Stiftung

Smartphones und Internet sind gängig:

Hans-Böckler-Stiftung

Wie sich die Arbeitsbelastung verändert, wenn Arbeitnehmer Home Office nutzen, hat die Sozialwissenschaftlerin Yvonne Lott untersucht. "Selbstbestimmung klingt gut, ist aber auch eine Einladung zur Selbstausbeutung", lautet ihr Fazit. Für Frauen besonders fatal: "Es droht das Risiko der Traditionalisierung von Partnerschaften". 

Das sind aus ihrer Sicht die Nachteile:

  • Wer im Homeoffice tätig ist, kann abends oft nicht abschalten.
  • Bei völlig selbstbestimmten Arbeitszeiten fällt das Abschalten schwerer als bei festen Zeiten. Das gilt vor allem für Männer. Frauen scheint dieser Wechsel leichter zu fallen.
  • Hoch ist die psychische Belastung bei unvorhersehbaren Arbeitszeiten, die der Arbeitgeber kurzfristig ändert – vor allem für Frauen.

Lott sieht in der freien Wahl des Arbeitsorts jedoch auch Vorteile, sofern folgende Punkte klar sind: zeitliche Obergrenzen, Zeiterfassung, realistische Vorgaben für das Arbeitspensum, genug Personal und Vertretungsregeln.

Wie Home Office gelingt

Arbeitspsychologe Berzbach empfiehlt eine Kombination aus 2 bis 3 Tagen Präsenz und 2 bis 3 Tagen Home Office. "Dann kann es sehr produktiv sein." Für Berufseinsteiger hält er das Modell für ungünstig, für Erfahrene mit hoher Selbstorganisationsfähigkeit befürwortet er es. "Zuhause lässt es sich ungestörter arbeiten als im Großraumbüro."

Um in den Tag zu starten, empfiehlt er, eine Runde rauszugehen. "Der Arbeitsweg hat spezifische Funktionen":  Das Tageslicht trage dazu bei, dass sich der Körper umstellt und munter wird. Die Wohnungsbeleuchtung sei oft nicht hell genug. Was es zuhause meist auch nicht gibt: ergonomische Schreibtische und -stühle. "Der Albtraum ist der Laptop im Bett", so Berzbach. Ein freier Tisch und ein guter Stuhl sollten es schon sein. Allerdings kann es trotzdem zu "Territorialkämpfen" kommen - mit Partner, Kindern und Haustieren, warnt Berzbach. 

Zu den kleinen Tipps des Arbeitspsychologen gehört es auch, sich angemessen zu kleiden und sich vorab regelmäßige Zeiten zu setzen.

Firmen, die Home Office anbieten, sollten eine Art "Weiterbildung" anbieten, indem erfahrene Kollegen ihre Erfahrungen weitergeben oder sich Interessierte mittels Ratgebern informieren, wie sie sich am besten selbst organisieren und wo die Fallen liegen. Mehr dazu kann man zum Beispiel hier weiterlesen: Der Journalist Stefan Boes über 5 Regeln, die ihm das Home Office erleichtern.

Home Office in Agenturen? Das sagen die Chefs

Rckt-Geschäftsführer Nils Seger setzt auf das gemeinsame Aushandeln von Lösungen: "Letztlich müssen Mitarbeiter und Unternehmen gemeinsame Wege finden, wie flexible Arbeit gut für beide Seiten gestaltet werden kann." Bei der Berliner Digitalagentur hat man diese Variante gewählt: "Wir haben den festen Home Office Tag jetzt seit rund drei Jahren bei uns eingeführt und uns dazu entschieden, den Tag für alle gemeinsam auf einen Freitag zu legen."

In der Diskussion sieht Seger einen gesellschaftlichen Trend, nämlich "dass Job-Beschreibungen so individuell sein müssen wie die Lebensmodelle der Menschen". Bei Berufen, die sich nicht fürs Home Office eignen ("Pflegekräften, Krankenhauspersonal oder Lehrer"), sei trotzdem zu überlegen, wie Digitalisierung diese Jobs unterstützen kann. "Die Debatte um die Zukunft der Arbeit umfasst mehr als Home Office allein."

Der SPD-Vorschlag? Peinlich und völlig absurd

Auf diese individuelle Gestaltung spielt Ronald Focken, Geschäftsführer der Serviceplan-Gruppe an, wenn er den SPD-Plan, gesetzliche Vorgaben fürs Home Office zu machen, als "völlig absurd" bezeichnet. "Die Grundlage für Home Office ist die Vertrauensarbeitszeit und die hohe Loyalität der Mitarbeiter." Serviceplan habe gute Erfahrungen mit Home Office gemacht. Die Organisation liege in den Händen der Teams - wie auch die Freigabe von Urlauben. Focken setzt auf die Teamorientierung seiner Kollegen, gemeinsam ihre Ziele zu erreichen und sich dafür untereinander zu helfen - und sich gegenseitig zu kontrollieren. Denn die Zeit der Stechuhr und der ständigen Kontrolle durch den Arbeitgeber sei heutzutage vorbei.  

Um Konzepte und Strategien zu entwickeln, sind Rückzugsphasen sinnvoll, so Focken. Aus diesem Grund ist Home Office auch bei Seven Squared, der Strategieberatung der PIA-Gruppe, schon länger üblich. Geschäftsführer Martin Wider: "In der Beratung sind Home Office und Vertrauensarbeitszeit schon seit Jahren gelebte Selbstverständlichkeit, von der alle Beteiligten profitieren. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass dieses Thema allein zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu vereinbaren ist und es keinerlei Regulierung und Bevormundung durch den Gesetzgeber bedarf." PIA hat erst kürzlich bekannt gegeben, sich mit UDG zu verstärken. 

Christian Tiedemann, Geschäftsführer der PIA Performance Interactive Alliance, ergänzt: "Wir bieten unseren MitarbeiterInnen schon heute tageweise Home Office an und sehen daher keine Notwendigkeit für populistische politische Besserwisserei. Von der betrieblichen oder beruflichen Digitalisierung profitiert man auch nicht allein zu Haus, sondern kollaborativ im Team."

"In einer Gesellschaft, in der die Wertschöpfung in Zukunft maßgeblich durch Wissensarbeit generiert wird, kommt ohne Frage niemand mehr an mobiler Arbeit vorbei", sagt Thomas Kabke-Sommer, Geschäftsführer des vor einem Jahr gegründeten Programmatic-Audio-Spezialisten Crossplan. "Neben dem Büro arbeiten wir heute ganz selbstverständlich in Cafés, Coworking-Spaces, der Hotel-Lobby und eben auch zu Hause. So halten wir es auch bei Crossplan. Der Versuch der Sozialdemokraten eine absolute Selbstverständlichkeit gesetzlich verankern zu wollen ist peinlich. Die alte Tante SPD hängt aber auch bei jedem Thema hinterher."


Autor:

Annette Mattgey, Redakteurin
Annette Mattgey

Seit 2000 im Verlag, ist Annette Mattgey (fast) nichts fremd aus der Marketing- und Online-Ecke. Für Markengeschichten, Kampagnen und Karriere-Themen hat sie ein besonderes Faible. Aus Bayern, obwohl sie "e bisi anners babbelt".