Eine neue Studie eines österreichischen Wissenschaftlers scheint dies nun für "Tote Mädchen lügen nicht" ebenfalls zu bestätigen. Thomas Niederkrotenthaler von der Medizinischen Universität Wien hat mit einigen Kollegen festgestellt, dass die Zahl der Suizide bei 10- bis 19-Jährigen in den USA bis zu drei Monate nach Veröffentlichung der ersten Staffel auffällig hoch war. Vor allem bei jungen Frauen war der Anstieg mit einem Plus von 21,7 Prozent sehr deutlich.

Das sei noch kein eindeutiger Beweis, dass "Tote Mädchen lügen nicht" zu mehr Selbsttötungen führt, sagt der Wissenschaftler. Unter anderem sei nicht zu sagen, ob die Betroffenen die Serie überhaupt gesehen hätten. Aber: "Ein Zusammenhang zwischen der Serie und der erhöhten Zahl an Suiziden ergibt sich aus dem Gesamtbild der Forschung zu diesem Thema (...) durchaus". Aus anderen Studien sei hervorgegangen, dass damals auch die Zahl der Suizid-Versuche angestiegen sei.

Besonders problematisch ist es aus Niederkrotenthalers Sicht, dass die Serie in der ersten Staffel den Eindruck erzeugt habe, dass es aus der Lage der Protagonistin keinen anderen Ausweg als den Suizid gegeben hätte. Es sei prinzipiell kein Problem, dass Selbsttötungen in Filmen und Serien thematisiert würden. "Es geht aber um das Wie. Und da war diese Netflix-Serie eine ganz klare Ausnahme im negativen Sinne." Erwachsene seien als hilf- und ahnungslos dargestellt worden, die Hannah Baker sogar noch mit in die Selbsttötung gedrängt hätten.

Netflix hatte auf diese und ähnliche Anschuldigungen zuletzt mit dem Verweis auf eine Studie der Universität von Pennsylvania reagiert. Deren Verfasser legten dar, dass sie einen Einfluss der zweiten Staffel auf Suizide nicht hatten feststellen können. Netflix betonte, dass man dort alle Anstrengungen unternehme, "um sicherzustellen, dass wir mit diesem sensiblen Thema verantwortungsvoll umgehen".

In Pennsylvania aber ging es eben um die zweite Staffel. Diese beschäftigte sich anders als die erste nicht so sehr mit dem Thema Selbsttötung. Dies könnte die Bedeutung der Studie aus Pennsylvania und auch die Vorzeichen für Staffel drei ändern. Niederkrotenthaler etwa sagt, dass seine Ergebnisse nicht als Schreckensszenario für die neuen Folgen gesehen werden müssen. "Wir wissen derzeit nicht, was wirklich das Thema der dritten Staffel sein wird."

Der Wissenschaftler betont dabei, dass das Thema Suizid durchaus auch konstruktiv im Fernsehen dargestellt werden könne. "Filme und Serien können einen präventiven Effekt haben, wenn gezeigt wird, wie jemand aus seiner Krise wieder herausgekommen ist, wie jemand mit der Situation umgegangen ist". In diesem Fall ist dann nicht mehr vom "Werther-Effekt" die Rede, sondern vom "Papageno-Effekt", angelehnt an die Figur in Mozarts "Zauberflöte". Diese hatte eine existenzielle Krise durch die Unterstützung von drei Knaben bewältigt.

Fabian Nitschmann und Benno Schwinghammer, dpa


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W&V Redaktion
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