Wir verfolgen hier den MVP-Ansatz, setzen also auf Produkte, die gerade so viel Nutzwert bieten, dass sie für eine bestimmte Zielgruppe interessant sind. Geht die Idee auf, kann schnell qualitativ nachgelegt werden. Wenn nicht, ist das Risiko nicht so groß gewesen.

Dafür braucht es eine andere Kultur und Haltung als in klassischen Radiosendern, in denen man theoretisch schon 18 Monate vorausplanen kann und auf gelernte Standards setzt. Wir haben das klassische Radiounternehmen und die Produktionsprozesse für unsere Zielstellungen vollständig zerlegt und dann komplett neue, skalierbare Produktionsunits gebaut.

Das führt unter anderem dazu, dass etwa der digitale Programmdirektor mit dem Head of Social Content & Advertising kontinuierlich Produktinhalte und digitale Werbung hin- und herspielt. Und beide schauen dabei auf die gleichen, tagesaktuellen Zahlen als Leitplanke der Erfolgsmessung. Das ist eine tolle Arbeitserfahrung für alle Seiten.

So empfängt The Farm das Team.

So empfängt The Farm das Team.

Seit rund zweieinhalb Jahren arbeiten Sie mit The Farm, Sie kennen aber auch die "normale" Regiocast. Was macht den Unterschied aus?

Ich wirke jetzt seit über zehn Jahren für Regiocast. Vieles von dem was in dieser Zeit entstanden ist, darunter die modulare Nachrichtenproduktionssoftware Newscloud, sind alles schon Bausteine gewesen, auf deren Grundlage sich die Programmproduktion der Regiocast und vieler anderer unserer Senderkunden in Richtung "Next Radio" verändert hat.

Die digitale Unit in der Farm in Berlin beschäftigt sich nun noch mit den letzten "fehlenden" Bausteinen: Markenentwicklung und -führung sowie Moderation beziehungsweise redaktionelle Inhalte.

Von daher ist der Spagat gar nicht groß. Und bedingt durch meine diversen Verantwortlichkeiten als Leiter Radioservices auf der einen Seite und CDO auf der anderen Seite ist es mein Job, die Welten auch vernünftig miteinander zu verbinden. Das gelingt gut, da wir sehr früh zusammen mit allen Führungskräften eine digitale Strategie der Regiocast entwickelt haben, die heute als unser Rahmen und Commitment für die Transformation aller Marken gilt.

Daraus entstanden sind unter anderem Regiocast-Technologien wie das verbreitungsorientierte CMS-System IamRadio oder die Personal Radio App Radio.likemee, die im gesamten Unternehmen angewendet werden. Spezifische Erfahrungen aus der Entwicklung digitaler Marken in Berlin teilen wir mit allen Kollegen. Da wir ja alle – egal ob UKW-Programmdirektor oder digitaler Spezialist – die ganze Zeit nur am Lernen sind, ist Austausch und die Organisation von Lernen besonders wichtig.

Unterschiede gibt es natürlich trotzdem, wenn wir über Hauskultur und administrative Strukturen sprechen. Wir haben im Farm Space beispielsweise bewusst keinen Empfang, keine Sekretärinnen oder einen täglichen Putzservice. Wir haben eine amtliche Espressomaschine aus Italien, bilden alle Mitarbeiter als Barista aus, legen selbst Papierhandtücher in den Toiletten nach – und machen auch unser komplettes Catering selbst. Das bedeutet, dass auch Regiocast-Geschäftsführer Rainer Poelmann und ich für unsere Gäste den Kaffee zubereiten.

Das geht natürlich nur mit einer Hands-on-Mentalität im Management und mit dem Wunsch, ein guter Gastgeber zu sein. Nicht nur gegenüber Besuchern, sondern auch gegenüber Mitarbeitern.

Hier brühen auch die Chefs Koffeinhaltiges auf.

Hier brühen auch die Chefs Koffeinhaltiges auf.

Muss man sich The Farm so als eine Art Startup vorstellen – mit der entsprechenden Atmosphäre?

Wir sind eher ein "grown up", "a workspace for adults". Wenn man sehr erfahrene Leute, insbesondere aus Branchen wie Digitalagenturen, TV oder Musikindustrie binden will, die nicht mehr junior-ig sondern im beruflichen Sinne senior-ig und intrinsisch motiviert sind, dann muss man einen Arbeitsort erschaffen, an den man als Mitarbeiter gerne ist. Er bildet die Grundlage und Bühne dafür, erfolgreich arbeiten zu können und Partner zu gewinnen, die zwingend in der digitalen Welt nötig sind.

Wir haben dafür eine Industrieetage in Berlin Schöneberg komplett neu ausgebaut. Die Optik ist tatsächlich eher industrielles Loft als knallbuntes Startup-Bällebad. Auch haben wir mit den Mitarbeitern gemeinsam diverse Dinge auch selbst aufgebaut – von Schreibtischen bis hin zu Konferenzstühlen.

Die Erfahrung der letzten zwei Jahre zeigt: Wer hier nicht mit anpacken wollte, wollte danach auch nicht wirklich bei uns arbeiten. Von daher greift hier kultureller Fit als Kern von erfolgreichen Startup-Teams unbeabsichtigt schon.

Was sind die Learnings für Regiocast aus dem neuen Modell? Wie beeinflusst Ihr Team das große Ganze?

Zum einen führen wir seit zweieinhalb Jahren den Beweis, dass man digitale Reichweite signifikant steigern kann und zwar sowohl bei analog geprägten Marktführern wie R.SH oder Radio PSR, aber auch bei Spartensendern wie Radio Bob! oder eben bei rein digitalen Marken. Wir haben von Ende 2015 bis Ende 2017 die digitale Audioreichweite der Regiocast mehr als verdoppelt. Und 2018 ist so gut angelaufen, dass wir wohl mit Blick auf das Gesamtjahr mit neuen Rekorden rechnen können.

Das ist ein Erfolg aller Regiocast-Mitarbeiter, die gemeinsam an der digitalen Transformation arbeiten. Die sitzen nicht nur in Berlin, sondern maßgeblich sogar in Kiel und Leipzig. Durch Orte und Schaufenster wie den Farm Space schaffen wir neben dem Erfolg in der Sache auch tolle Argumente beim Wettbewerb um Köpfe, die für und bei Regiocast arbeiten wollen.

Wir sind hier in Berlin vielleicht sowas wie die Vorhut und durch Spezialisierung auch sehr fokussiert in Themen, die im Tagesgeschäft eher mal untergehen. Wo etwa ein Button in einer App hinkommt, kann uns schon mal zwei, drei Tage beschäftigen. Zum anderen ist die Art und Weise, wie wir hier Radioproduktionsprozesse neu denken und selbst ausprobieren auch eine Grundlage, um zukünftig Impulse für die Produktion von UKW-Marken zu generieren und neue Content-Tech Software zu entwickeln und zu testen.

Selbst ausprobieren ist hier wortwörtlich gemeint: Alle aus dem Team, die Mikrofonerfahrung haben, moderieren auf unseren digitalen Kanälen. Ich selbst inklusive. Das schafft eine ganz andere Gesprächsebene mit unseren Softwareentwicklerteams über Arbeitsabläufe, Prozesse und Oberflächendesigns.

Arbeitsräume der Farm.

Arbeitsräume der Farm.

Was muss ein Bewerber mitbringen, um ins Farm-Team aufgenommen zu werden?

Eine hohe Eigenmotivation, Hands-on-Mentalität, hohes Fachwissen und Professionalität sowie die Bereitschaft und Fähigkeit zum kontinuierlichen Lernen. Und er oder sie darf keine Angst haben, auf nicht befestigten Wegen, Dinge immer wieder neu zu entwickeln.

Ansonsten schadet Interesse an Architektur, Design und gutem Essen nicht. Man kann auch ohne bei uns glücklich werden – verpasst aber was.


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.