Medientage München :
Wer regiert Bewegtbild?

TV vs Video: Wer hat in Zukunft die Nase vorn beim Zuschauer? Die Medientage München widmen sich ab sofort 3 Tage lang auch diesem Thema. 

Text: Petra Schwegler

RTL-Chefin Anke Schäferkordt blickt selbstkritisch in die Bewegtbildzukunft.
RTL-Chefin Anke Schäferkordt blickt selbstkritisch in die Bewegtbildzukunft.

Das selbstfahrende Auto der Zukunft ist für Medienanbieter nach Überzeugung von Experten eine Riesenchance. "Wenn die Fahrzeit zur Freizeit wird, wird der Fahrersitz zur Fernsehcouch", sagte der Vodafone-Deutschland-Chefs Hannes Ametsreiter am Dienstag zu Beginn der Medientage München. Der Fahrer werde künftig dann viel Zeit zur Nutzung von Medien haben.

Doch – profitieren von der "Fernsehcouch" werden aus seiner Sicht nicht die klassischen Bewegtbildanbieter aus dem TV-Segment.  Vor allem die Videonutzung werde weiter steigen, sagte Ametsreiter. "Das Handynetz wird zu einem ganz eindeutigen Videonetz. Wir rechnen damit, dass in Kürze 80 Prozent der Nutzung eines Handynetzes Videos sein werden."

Ametsreiter forderte passend dazu in München einen schnellen Ausbau der Infrastruktur und der nächsten Mobilfunkgeneration 5G. "Glasfaser schafft einen Transport in Lichtgeschwindigkeit. Das ist die Transportkapazität und die Verbindung für die nächsten 50 bis 100 Jahre."

Womit die TV-Branche rechnet

Anke Schäferkordt, Chefin der Mediengruppe RTL, ist sich der wachsenden Konkurrenz aus dem Netz bewusst. Sie glaubt, dass nun die Streamingdienste den Werbemarkt im Visier haben. "Langfristig könnte sich wohl auch Netflix für Werbung öffnen, ähnlich wie der Bezahlsender Sky es getan hat", sagte Schäferkordt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Und da Amazon in den USA den Werbebereich gerade insgesamt stark ausbaut, ist es nicht ausgeschlossen, dass mittelfristig auch bei Amazon Prime Werbung laufen wird."

Auch wenn Schäferkordt fürs traditionelle TV nicht so schnell mit einem Wegbrechen des Publikums rechnet, so räumt sie dennoch ein: "Junge Leute sitzen immer weniger vor dem linearen Fernsehprogramm, 2016 waren es aber immer noch 118 Minuten am Tag, das ist sicher mehr, als jede Art von Streaming- und Onlineangebot erzielt." Kernzielgruppe der Senderfamilie seien jedoch Erwachsene zwischen 14 und 59 Jahren.  RTL will sich – wie bereits bekannt - mit Eigenproduktionen für die Zukunft wappnen.

Der Werbepart ...

Schäferkordts oberster Sales-Manager, IP-Deutschland-Geschäftsführer Mattias Dang, warnt indes auf den Medientagen München in einer Diskussionsrunde zum Thema Programmatic Advertising vor allem vor der Übermacht von Google beim datengetriebenen Marketing. "America First mitten in Deutschland" lautete seine Befürchtung nach einer Diskussion mit Google-Manager Alwin Mahler.

Dem Datensammler, dem kaum Grenzen gesetzt würden, will auch der RTL-Vermarkter mit diversen Datenallianzen eine gewisse Form von Konkurrenz entgegensetzen – vor allem, nachdem sich auch das Bertelsmann-Unternehmen ab 2018 durch die ePrivacy-Verordnung der EU im Nachteil sieht.

Doch es könnte eher noch mehr Konkurrenz auf TV und die klassischen Medien zukommen: Google-Deutschland-Chef Philipp Justus hat auf den Medien mehr Freiräume für digitale Medien gefordert. Er sehe in Deutschland "noch viel zu häufig den Reflex, jedes neues Medium umgehend mit alter Regulierung beschränken zu wollen". Auf diese Weise könne Deutschland nicht international wettbewerbsfähig sein. Justus: "Wir brauchen mehr Möglichkeiten für digitale Innovationen und nicht das Ausbremsen, weil wir das Gefühl haben, wir müssen alte Modelle schützen." Ein großer Trend sind nach seiner Überzeugung digitale Sprachassistenten.

Anke Schäferkordt warf darüber hinaus den Ministerpräsidenten vor, die privaten Medien im Wettbewerb mit öffentlich-rechtlichen und Internetgiganten im Stich zu lassen. Die Länder hatten vergangene Woche in Saarbrücken vereinbart, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio mehr Freiheit bei ihren redaktionellen Angeboten im Internet bekommen sollen. Schäferkordt kritisierte diesen Beschluss: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk bekomme so den Auftrag, "mit Beitragsgeldern die amerikanischen Plattformen durch kostenloses Zurverfügungstellung originärer Produktionen zu stärken, während die privaten Medien (...) mit diesen Plattformen über tragfähige Geschäftsmodelle verhandeln. Hut ab vor dieser Spitze der Wettbewerbsverzerrung!"

Was für TV spricht

Fürs Medium TV legt sich übrigens – pünktlich zu den Medientagen München – einmal mehr ProSiebenSat.1-Vermarkter SevenOne Media mit einer Doppelpublikation ins Zeug. Die jährliche Studie "Media Activity Guide" bildet dabei die Nutzung aller Mediengattungen ab; der "View Time Report" analysiert seit 2015 quartalsweise die aktuellen Entwicklungen in der Bewegtbildnutzung.

Erstmals kombiniert kommt der Vermarkter zum Schluss: 70 Prozent der Deutschen bauen auf das Fernsehen als Informationsquelle, 75 Prozent verlassen sich auf das Radio und 65 Prozent auf die Nachrichten aus Zeitungen und Zeitschriften. "Dagegen hält die große Mehrheit News aus sozialen Netzwerken für fragwürdig: Nur drei Prozent erachten Facebook, Twitter und Co. als seriöse Nachrichtenquelle", heißt es – und SevenOne liefert damit ein weiteres Stück in der Auseinandersetzung zwischen TV und Facebook. 

Zudem weiß der "Media Activity Guide 2017", dass Fernsehen mit 248 Minuten täglicher Nutzungsdauer "weiterhin das am längsten genutzte Massenmedium ist, gefolgt von Radio (102 Minuten) und der inhaltlichen Internetnutzung (89 Minuten), die zum großen Teil auf den Konsum von Online-Videos, das Lesen von Artikeln und Beiträgen sowie die Nutzung sozialer Netzwerke entfällt". Erst Anfang Oktober hatte SevenOne Media die Facebook-Forschungs-Fehde mit einer weiteren Studie fortgesetzt.

Zu den Medientagen München, erstmals geleitet von Stefan Sutor, werden mehr als 400 Referenten und bis zu 6000 Besucher erwartet. Das Motto des dreitägigen Kongresses mit einem  internationaleren Programm lautet: "Media, Trust, Machines - Vertrauen in der neuen Mediengesellschaft". Wollen Sie per Video und Liveblog teilhaben? Dann geht's hier zum Livestream.

ps/dpa


Autor:

Petra Schwegler, Redakteurin
Petra Schwegler

Die @Schweglerin der W&V. Schreibt seit mehr als 20 Jahren in Print und Online über Medien - inzwischen auch jede Menge über Digitales. Lebt im Mangfalltal, arbeitet in München.