Schon der Fall von Ex-Ministerin Anne Spiegel hat kürzlich gezeigt: Im Zweifel labern wir gerne schöne Worte, meinen es aber nicht ernst, wenn es drauf ankommt. Der Case Kliemann zeigt vieles, vor allen Dingen hat Deutschland endlich seine Bestätigung: Influencer sind eben doch Betrüger, ein ordentlicher Beruf ist das nicht. Wir sind und bleiben Oldschool.

Mehr und mehr habe ich den Eindruck, dass sich Deutschland einfach nur selbst anlügt, so dass es beinahe lächerlich ist. Je nach Bubble feiert man sich für Diversität, für Achtsamkeit, für Nachhaltigkeit und für... Fehlerkultur. In Wahrheit aber braucht es Quoten und Diversitäts-Beauftragte, es geht weiter meist nur um Profit, nicht um den Menschen. „Nachhaltig“ gilt nur als Warnung-Begriff, dass wir es mit dem Klima endgültig und nachhaltig verbockt haben.

Zurück zu Fynn: Nach dem Investigativbericht hat er sich gemeldet und entschuldigt. In Sachen Fehlerkultur ein Muss! Sehr bald hat er den nächsten Fehler begangen, er gab Interviews. Er vertraute unter anderem Stern und Spiegel. Medien-Formate, die in der Vergangenheit immer wieder über den positiven Aspekt der Fehlerkultur geschrieben haben, die aber plötzlich ihre Haltung verließen, und wie der Boulevard auf Reichweitenfang gingen.

Am Pranger wegen der Quote

Nur einen Klick weiter wollten sie – wie viele andere- nichts mehr von Fehlerkultur wissen. Es folgte die Welle der Einordnung. Ein Wort, das ich rein kommunikativ schon immer bitter fand. Medien ordnen ja gerne mal ein. Mit welchem Recht eigentlich? Vor allen Dingen dann, wenn die Einordnung in Wahrheit eine Beurteilung, eine Meinung ist. Dahinter aber wenig Wissen steckt. Unter dem Deckmantel der Einordnung wurde Quote gemacht, wurden Klicks generiert, wurde ein Mensch vorverurteilt, an den modernen Pranger gestellt.

Um es ganz klar zu sagen: Bevor ein Richter Fynn Kliemann nicht wegen Betruges verurteilt hat, hat er nicht betrogen. Solange nicht bewiesen ist, dass eine Straftat vorliegt, hat Kliemann Fehler begangen. Mögen sie auch noch so schwer gewesen sein, unter dem Aspekt der Kultur hätte längst ein Lernprozess einsetzen müssen. Hier kann man Fynn Kliemann vorwerfen, dass er längst hätte aktiv werden müssen. Sein letztes Insta-Erklärvideo stammt vom 6. Mai.

Wieder ein Fehler, aus dem er lernen muss, und wahrscheinlich auch seine Anwälte. Mutmaßlich haben sie ihm den Text für das letzte Video vorgeschrieben, so klang es jedenfalls. Klug war auch das nicht, aber: Aus Fehlern lernt man ja bekanntlich. Es wäre ein guter Anfang, wenn sich große Teile der Medien ebenfalls entschuldigen würden, so wie all die Experten bei Linkedin, Insta, Tiktok und Facebook, sowie die Leader der Hater-Bubble, ansonsten kann niemand die Wichtigkeit der Fehlerkultur mehr ernst nehmen.  

Wer Achtsamkeit predigt, muss die Entschudligungen von Steinmeier, Anne Spiegel, Xavier Naidoo und Fynn Kliemann aushalten. Wer nachhaltig und divers leben will, kann unmöglich vorverurteilen. 


Autor: Mike Kleiß

Mike Kleiß ist Gründer und CEO der Kommunikationsagentur GOODWILLRUN. Für Focus-Online schreibt der passionierte Läufer als Kolumnist, in seinen Podcasts spricht er über Hunde und Fussball. Als Kommunikations-Stratege berät er internationale Marken. Der gelernte Journalist lebt für Marken und Medien, und darüber schreibt er regelmäßig bei W&V.