Theresa Stewart

Theresa Stewart leitet das China-Geschäft von Storymaker in Deutschland. Bis vor Kurzem arbeitete sie am German Center in Taicang.

Was haben die deutschen Mitarbeiter gemacht?

Viele deutsche Mitarbeiter waren über die Feiertage in Deutschland, andere verbrachten sie in sonnigeren Ländern wie Thailand oder auf den Philippinen – und haben ihren Urlaub bis zum 10. Februar verlängert. Familien, die zur Risikogruppe gehörten, sind meist sofort nach Deutschland ausgeflogen. Doch die Mehrzahl blieb, zumal es in der Region von Shanghai nur wenige Infektionsfälle gab und man sich nach der Heimkehr 14 Tage in Quarantäne begeben musste. 

Wie haben die deutschen Vertretungen reagiert und die Unternehmen unterstützt? 

Die Hauptarbeit bestand zunächst darin, Klarheit über die sich ständig ändernden Ansagen zu schaffen. Die AHK und das Auswärtige Amt fassten die Informationen in Mailings zusammen, die an alle deutschen Unternehmen verschickt wurden. Über verschiedene Wechat-Gruppen tauschten wir uns gegenseitig permanent aus, um adhoc informieren zu können. Auch die Kommunikation mit den lokalen Behörden läuft über Wechat.

Zweisprachige Kommunikation mit unseren 40 Unternehmen im German Centre Taicang war unser wichtigstes Werkzeug während der Krise. Unzählige Fragen galt es zu beantworten. Die Stadtregierung von Taicang hat uns dabei enorm unterstützt. Später haben wir unsere Mieter in ihrem Antrag unterstützt, wieder in ihre Büros zurückkehren zu können und ihre Arbeit aufnehmen zu dürfen.

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Wie wurden die Maßnahmen überwacht?

Der Legal Representative der Firma musste unterschreiben, dass alle Vorkehrungen beachtet werden und er die Verantwortung für die Sicherheit der Mitarbeiter übernimmt. Beim Antrag an die Taicanger Regierung mussten Passdaten, Aufenthaltsort in den letzten 14 Tagen und aktuelle Körpertemperatur aller Mitarbeiter eingesandt werden. Selbstverständlich haben sich hier viele deutsche Firmen um Datenschutz Sorgen gemacht, aber es gab keine andere Lösung.

Nach der Rückkehr zur Arbeit mussten alle Mitarbeiter ihre Körpertemperatur zweimal pro Tag messen. Die Daten werden gesammelt zur Regierung geschickt. Größere Produktionsfirmen wurden regelmäßig von Regierungsbeauftragten besucht, die das Umsetzen der Maßnahmen kontrollierten. Es gab strenge Vorschriften für Kantinen, Maskenpflicht für alle und die Oberflächen – Tische, Stühle, Türen – mussten regelmäßig desinfiziert werden. 

Kantine

Sicherheitsabstand in der Kantine

Wurden chinesische und ausländische Firmen gleich behandelt?

Es galten gleiche Bestimmungen und Voraussetzungen für alle Firmen, egal woher. Aber die Taicanger Regierung hat die Anträge deutscher Firmen mit einer besonderen Geschwindigkeit und Hilfsbereitschaft bearbeitet. Für Antragsteller deutscher Unternehmen gab es über unsere Kontakte bei der Regierung die Möglichkeit, Anträge nach ganz vorne in die Warteschlange zu befördern.  

Waren die Unternehmen auf Homeoffice gut vorbereitet?

Homeoffice ist für China ein unbekanntes Konzept. Daher waren auch die meisten deutschen Unternehmen in China nicht gut darauf vorbereitet. Da man sich in die Chinese New Year Ferien verabschiedet hatte, hatten viele Mitarbeiter ihre Laptops auf dem Arbeitsplatz gelassen. Andere wiederum sind nur mit Desktop-Computern ausgestattet gewesen. Und da Homeoffice ein Fremdwort in China ist, fehlten auch teilweise die digitalen Strukturen, um remote Zugriff zu gewähren.    

Wie hart traf es deutsche Unternehmen? 

Von Insolvenzen und Entlassungen habe ich bislang nichts gehört. Von Anfang an konzentrierte man sich darauf, eine begrenzte Zeit zu überwinden, um danach mit vollem Ehrgeiz und möglichst doppelter Geschwindigkeit weitermachen zu können. Eines der führenden Unternehmen der Zahnrad- und Getriebetechnik beispielsweise begann bereits am 10. Februar wieder mit der Produktion. Da noch viele Mitarbeiter in ihren Heimatprovinzen oder in der Heimquarantäne feststeckten, hieß das für die anwesenden Mitarbeiter viele Überstunden. Das haben alle mitgetragen; entlassen wurde niemand. 

In Deutschland switchten zum Beispiel Modeunternehmen auf die Produktion von Masken und Autohersteller produzieren Beatmungsgeräte. Gab es auch in China starke Umstellungen von Produktpaletten?

Auch in China sind bereits im Januar und Februar viele Unternehmen unterwiesen wurden, auf Maskenproduktion umzustellen. Und Arbeitnehmer, die ihre Jobs zum Beispiel in der Gastronomie verloren haben, wurden schnell bei den Lieferdiensten fündig. Denn Yogamatten, Drucker, Bürozubehör und natürlich Speisen und Getränke erzielten Rekordverkäufe. 

Welche finanzielle Unterstützung hat chinesische Regierung angeboten – gibt es Kurzarbeit und Kredite wie hier? 

Kurzarbeit gibt es in China nicht. Sämtliche Firmen, bei denen die Regierung der Vermieter ist, erhielten zwei Monate Mieterlass. Die Regierung legte es zudem privaten Vermietern nahe, ebenfalls die Miete zu reduzieren – aber auf freiwilliger Basis. Unternehmen konnten außerdem Anträge stellen, damit Grundsteuer und Vermögenssteuer erlassen und Sozialversicherungsbeiträge verschoben werden. Besondere Reduktionen gibt es für Startups, die aber von Provinz zu Provinz anders ausfallen.  

Wie ist die Stimmung heute? Wie bewerten deutsche Unternehmen die Situation nach Corona?

Hier kann ich keine Generalaussagen treffen. Die Situation ändert sich weltweit so schnell, dass die Lieferketten der deutschen Firmen sehr unterschiedlich beeinträchtigt sind. Aber generell hat sich die Lage für viele normalisiert. Besonders gut stehen die Firmen da, die nicht auf die Lieferung von Produkten oder Produktteilen aus Deutschland warten müssen, sondern in und für China produzieren 

Danke für diese Einblicke, Theresa und eine gute Zeit in Deutschland.

Endlich habe ich kurz vor Ostern einen Flug nach Frankfurt erhalten. Vier Buchungen waren bereits einen Tag später wieder storniert worden. Jetzt bin ich 14 Tage in Quarantäne und arbeite aus dem Homeoffice.


In der nächsten Folge schreibe ich über Humor und Kreativität auf den sozialen Kanälen. Bleibt gesund!


Stefan Justl

Stefan Justl verantwortet als General Manager das Geschäft von Storymaker in China. Die Kommunikationsagentur sitzt in Tübingen, München, Berlin, Beijing und Shanghai. Direkt vom Shanghai-Homeoffice aus berichtet er nun zweimal pro Woche auf wuv.de über die Auswirkungen von Corona in China, den Umgang mit der Krise und wie es dort jetzt weitergeht. Den Pilot der Miniserie "Arbeiten in Shanghai: 45 Tage Corona-Schockstarre" lesen Sie hier. Hier geht's zu den Beiträgen über Einkaufendie Gesundheits-App , Schutzmasken Homeschoolinghilfreiche Appssaubere Luft und Teleshopping



Autor: W&V Leserautor

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