Ändert sich denn mit der Digitalisierung die Art und Weise, wie Kreative auf Ideen kommen?

Die Geschwindigkeit hat sich verändert. Die Erwartungen sind gestiegen, der Zeitdruck, gleichzeitig sinken die Preise, die eine Agentur aufrufen kann. Werden Ideen dadurch besser? Auf der anderen Seite kann man mehr Spontanes machen, sich ausprobieren.

Könnte sich das nicht auch gegenseitig befruchten? Interagieren von Maschine und Mensch?

Definitiv. CGI, Cinema 4D. Wie Werbefilme zum Beispiel heute umgesetzt werden können, war früher so einfach nicht möglich oder äußerst kostspielig. Da entstehen neue kreative Ansätze, die Technik inspiriert.

Herr Borsche, Sie sind vor fünf Jahren aus dem ADC ausgetreten und jetzt Jury-Chairman. Wie passt das zusammen?

Damals hatte ich das Gefühl, der Club und sein Konzept sind etwas veraltet. Heute sehe ich die Chance, dass sich durch den neuen Vorstand durchaus etwas ändern kann.

Was meinen Sie damit? Was reizt Sie an Ihrer Aufgabe als Jury-Chairman?

Ich schätze Heinrich Paravicini sehr und will ihm als ADC-Präsidenten helfen, etwas zu bewegen. Er hat mich gefragt, ich habe 'Ja' gesagt.

Eine Solidaritätsaktion unter Designern?

Die 70er bis 90er waren geprägt von Konzepttextern und ihren Claims, es war auch die große Zeit von Magazinen und vom Fernsehen. Heute sind Instagram, Netflix, Amazon prägende Plattformen. Instagram insbesondere ist ein rein visuelles Medium, ein schnelles Medium. Um heute eine gute Sichtbarkeit zu haben, braucht man konzeptionell starke Designer. Ich hoffe, dass die Disziplin ihre Wertschätzung gegenüber der klassischen Werbung zurückgewinnt.

Sie selbst sind seit 15 Jahren nicht mehr in der Werbung. Werden Sie die Kollegen in den Jurys respektieren?

Ich denke, das ist unkompliziert, für die meisten Werber bin ich wahrscheinlich ein unbeschriebenes Blatt. Natürlich könnte man befürchten, dass mich der eine oder andere deswegen anfeindet und sagt, mir fehle die Kompetenz. Aber ich sehe meinen Job auch mehr darin, zu vermitteln, Klarheit zu schaffen.

Sie wollen moderieren.

Ich habe den Job jedenfalls nicht angenommen, um mich in ein bestimmtes Licht zu rücken. Ich möchte den neuen Vorstand unterstützen.


Autor:

Conrad Breyer, W&V
Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er liebt alles, was Struktur hat in der Agenturwelt und Werbern unter den Nägeln brennt. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LSBTI-Rechte, insbesondere in der Ukraine.