Auch der Weg zum Film führt über die Website. Das Prozedere ist einfach: Der Zuschauer kann Tickets für die einzelnen Filme kaufen (4,50 Euro/5,50 Euro mit Kinounterstützung) oder schaut per Flatrate mit dem Festivalpass (50 Euro). Funktioniert das? Wir haben mit dem Festivalleiter Daniel Sponsel gesprochen.

Mehr Besucher mit der Online-Edition

Herr Sponsel, das Dok.fest München findet erstmals online statt. Ihr erstes Resumée?

Die ersten Tage haben unsere Erwartungen übertroffen. Die Online-Edition wird von unserem Stammpublikum sehr gut angenommen und wir gewinnen neues Publikum dazu. Im vergangenen Jahr hatten wir 52.400 Besucherinnen und Besucher in unseren Kinos. Stand heute gehe ich davon aus, dass wir in unserer Dok.fest München Online-Edition 2020 diese Zahl überbieten werden.

Eine Besuchersteigerung trotz geschlossener Kinos. Liegt das an der nationalen Verbreitung? Durch die Online-Variante können die Filme deutschlandweit gesehen werden.

Wir können anhand der Bewegung auf unserer Website täglich sehen, wie wir zunehmend Besucherinnen und Besucher aus ganz Deutschland erreichen.  

Ganz ausfallen ist für die Kultur keine gute Option

Andere Festivals wurden komplett abgesagt. War das anfangs auch eine Option für Sie? 

Ausfallen ist für die Kultur nie eine gute Option. Wir haben als Filmfestival natürlich deutliche Vorteile gegenüber dem Theater oder anderen Disziplinen. Das Sehen von Filmen im eigenen Wohnzimmer mussten wir ja nicht mehr erfinden, wir mussten nur noch mit unserem Programm dahin umziehen.

Nur umziehen klingt erst mal ganz einfach. Aber wie hat sich das Arbeiten für ihr Team dadurch verändert?

Die Arbeit ist für manche nahezu identisch, aber für viele andere aus dem Team hat sie sich gravierend verändert. Zudem ist unsere Teamarbeit unter den aktuellen Bedingungen auch noch dezentral organisiert, findet durch Telefonate und Videokonferenzen statt. Ich bin wirklich beeindruckt, dass wir das so gut gestemmt haben.

Nicht alle Filmemacher wollen ihre Werke im Netz auswerten. War es schwierig die Filmproduzenten und Regisseure von einer Online-Ausspielung zu überzeugen?

Wir hatten für das reguläre Festival die Zusagen für 159 Filme. Wir mussten dann mit allen Rechteinhabern neu verhandeln und waren extrem positiv überrascht, wie viele ihre Zusage auch für das Online-Festival gegeben haben. 121. Die überwiegende Mehrheit ist also dabei geblieben. Und besonders toll. 90 dieser Filme laufen bei uns in Welt- oder Deutschlandpremiere, eine erstaunliche Zahl.

Sie haben jetzt ihre Erfahrungen gemacht. Kann eine Online-Version für jedes Festival funktionieren?

Nein, ich denke, man muss die Voraussetzungen für jedes Festival individuell betrachten. Wenn ich ein Festival veranstalte wie in Cannes, bei dem die Stars auf dem roten Teppich das zentrale Motiv sind, kann ich damit nicht im Netz stattfinden. Für Kurzfilmfestivals beispielsweise ist die Online-Edition eine echte Chance, diesem randständigen Genre mehr Aufmerksamkeit zu geben.

Tatsächlich gehen auch die Kurzfilmtage Oberhausen diesen Schritt. Kennen Sie weitere Festivals die online ausstrahlen?

Ja, vor uns war schon im März das Festival in Kopenhagen online und Ende April das kleine, aber feine Lichter Filmfestival in Frankfurt. Wir standen in der Vorbereitungsphase mit beiden Festivals in regem, freundschaftlichem Austausch.

Website ist Festivalzentrum und gleichzeitig Kino

Sie werden städtisch gefördert. War die Finanzierung auch für das Online-Festival gleich gesichert?

Wir werden durch das Bayerische Digitalministerium und das Kulturreferat der Landeshauptstadt München gefördert. Darüber hinaus haben wir relevante Partner und Sponsoren aus der Branche. Und nicht zuletzt sind die Ticketeinnahmen ein wesentlicher Beitrag zu unserem Budget.

Sie mussten auf die Schnelle auch einen Software-Anbieter für die Technik finden. Ihre Wahl fiel auf ein Berliner Unternehmen. Worauf kam es Ihnen bei der Auswahl an?

Berlin ist nicht das Silicon Valley und wir sind nicht Netflix. Wir wollten unbedingt mit einem Anbieter aus Deutschland arbeiten, um in diesem Bereich langfristige Synergien zu erzeugen. Ich denke, wir haben in der Kürze der Zeit eine gute Lösung produziert, die vor allem dadurch überzeugt, dass wir die Funktion des Abspielens der Filme in unsere Website integrieren konnten. Das war uns ganz wichtig, weil wir somit die Website gleichzeitig zu unserem Festivalzentrum und zum Kino machen.

Sie sprechen von langfristigen Synergien. Die Online-Version ist aktuell die einzige Möglichkeit überhaupt stattzufinden.  Aber was heißt das für die Zukunft? Wird das Schule machen und die Kinos als Ausspielort überflüssig?

Der beinahe über ein halbes Jahrhundert bestehende Wettstreit zwischen dem Kino und dem Fernsehen um das Publikum ist schon lange zu einem Dreikampf geworden, in dem die Online-Anbieter am Drücker sind. Festivals spielen als Events in den Kinos eine wichtige Rolle. Gerade darum spricht nichts dagegen, dass sie in Zukunft zusätzlich auch im Netz aktiv sein werden. Die Auswertungen im Kino und online können sich nämlich gegenseitig stärken.

 

Filmfestival mit Online-Besuchern

Filmfestival mit Online-Besuchern


Autor:

Katrin Otto
Katrin Otto

ist Redakteurin im Medienressort. Sie schreibt über Radio, Außenwerbung, Kino und Film und freut sich über Empfehlungen für die Bücherseite. Wenn sie nicht in der Redaktion ist, ist sie auf Konzerten, im Kino oder im Wasser.