Havas an der Spitze

Für hiesige Agenturen ist das sicher nur ein schwacher Trost. Sukopp sagt: "Die Deutschen haben einen tollen Job gemacht" Im internationalen Vergleich fehle es aber oft an Craft und Impact. Von daher könne +Knauss auf die drei Bronzelions in ihrer Kategorie Radio & Audio durchaus stolz sein.

Das Jury-Prozedere in diesem Jahr, in dem erstmals remote eine Vorjury über die Arbeiten ging, hat die Vergabe zusätzlich erschwert. Weil dort alle Juror:innen mehrere Tage lang, ohne miteinander zu diskutieren, zunächst für sich alleine abstimmen mussten, um die Masse an Beiträgen zu bewältigen, sind zum Teil auch gute Arbeiten nicht bis zur Präsenz-Jury durchgedrungen. Da konnte zwar jedes Mitglied nochmal Arbeiten auf die Longlist heben, aber das große Ganze hat das natürlich nicht mehr verändert. Nicht alle Juror:innen war über dieses Verfahren glücklich. "Viele Arbeiten, die wir lieben, fehlen", sagt ein Jurymitglied hinter vorgehaltener Hand.

Schwacher Jahrgang

Allgemein scheint 2022 kein besonders starker Jahrgang zu sein. Nach zwei Jahren Pandemie, so wirkt es, in denen Kreativität für viele Marken eine Überlebensfrage war, scheinen Kunden und Agenturen jetzt wieder zum Alltagsgeschäft zurückgekehrt zu sein. Die ausgezeichneten Arbeiten immerhin heben sich wohltuend davon ab - erst recht die Grands Prix, die die Jurys dafür ausgelobt haben, dass sie aus der Marke heraus Business-, politische oder soziale Probleme lösen und das Leben der Menschen verbessern. Hier die Übersicht.

Grand Prix in Pharma:

Grand Prix in Health & Wellness:

Grand Prix for Good Health:

Grand Prix in Radio & Audio:

Grand Prix in Print & Publishing:

Grand Prix in Outdoor:

Gab es Trends? Eric Schöffler, CCO Germany von Havas Europe und Mitglied der Outdoor-Jury, sieht keine. Diversity, Inklusion, Nachhaltigkeit - alles Themen, die Mainstream und deshalb auch in der Kommunikation eine Rolle spielen müssen, "auch weil Marken dafür durchaus Verantwortung tragen". Und auch das Festival will hier einen Punkt machen: Die Jurys sind diverser zusammengesetzt denn je und nachhaltig sollen die Cannes Lions 2022 auch werden - ob letzteres gelingt, darf der schieren Größe des Festivals wegen angezweifelt werden.

Produkt schlägt Purpose

Auffällig ist allerdings die Rückbesinnung auf Produktwerbung, die, wenn auch nicht bei den Grands Prix, so doch in der Breite zu beobachten ist. "Purpose, Purpose,

Gabriel Mattar von Innocean

Gabriel Mattar von Innocean

Purpose, es war jetzt einfach zu viel", sagt Jens Petter Waernes, Geschäftsführer Kreation von Scholz & Friends. Er saß in der Print-Jury. In den vergangenen Jahren seien Produkte und Dienstleistungen etwas in den Hintergrund gerückt. "Ich bin kein Fan davon", meint der Kreative. Marken sollten verkaufen. Natalie Lam, Chief Creative Officer der Publicis Groupe Asia Pacific, Middle East & Africa, Präsidentin der Print & Publishing-Jury, sagt: "Wir sehen inzwischen eine gute Balance zwischen purpose- und produktgetriebenen Arbeiten."

Eine andere Frage ist der Umgang mit NGOs. Da hatten sich ja die New York Festivals entschieden, Arbeiten für Nichtregierungsorganisationen im Hauptwettbewerb nicht mehr zuzulassen. Kein anderes Festival ist diesem Schritt gefolgt. Gabriel Mattar, Chief Creative Officer von Innocean Worldwide Europe, findet das zumindest bemerkenswert. Mattar war Teil der Health&Wellness-Jury. Er fragt:  "Ist Werbung die beste Wahl, wenn es darum geht, die Welt zu retten? Und würden Agenturen auch dann für NGOs arbeiten, wenn sie ihre Kampagnen nicht bei einem Festival einreichen könnten?"

Die Debatte ist eröffnet. Die nächsten vier Tage werden zeigen, wohin die Reise geht. Die ersten Cannes Lions wurden am Montagabend im Palais des Festivals vergeben.


Conrad Breyer, W&V
Autor: Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er interessiert sich für alles, was Werber:innen unter den Nägeln brennt. Seine Schwerpunktthemen sind Agenturstrategie, Kreation und UX. Privat engagiert er sich für LGBTQI*-Rechte, insbesondere in der Ukraine.