Wobei: sich viele der genannten Agenturen schon vorher Gedanken über den Sinn und Unsinn von Kreativ-Awards im Jahr 2020 gemacht hatten. Tatsächlich aber haben die Großen jetzt die Sicherheit, dass sich selbst die Konkurrenten hier kollegial verhalten und eine einheitliche Linie fahren, damit es in den Rankings am Ende des Jahres nicht zu allzu großen Verzerrungen kommt.

Erste Holding: WPP stoppt Einreichungen

Eine verbindliche Absprache ist das trotzdem nicht, denn es gibt Agenturen, die die Vereinbarung kritisch sehen, doch der Druck, die Award-Saison nach nur drei Monaten schon zu beenden, ist groß: einmal ethisch, dann wirtschaftlich.

Es passt ins Bild, dass eine Holding wie WPP wenige Tage später offiziell verkündet, ihre Agenturen würden 2020 sicher keine Kreativjurys beschäftigen. Die Briten wollen damit massiv Geld sparen. Das gilt weltweit und wohl für sämtliche Awards, die nicht schon berücksichtigt wurden. Das heißt: Cannes wäre noch dabei.

Der ADC kann stattfinden - zumindest virtuell.

Der ADC kann stattfinden - zumindest virtuell.

"In einem Jahr, in dem die deutsche Wirtschaft ums Überleben kämpft, sind Kosten für Awards schlichtweg verantwortungslos", sagt Björn Bremer, Chef der WPP-Agentur Ogilvy in Frankfurt. Und sein Kollege Armin Jochum, Kreativvorstand von Thjnk aus Hamburg, ebenfalls WPP, pflichtet ihm bei: "In Zeiten der größten Krise gibt es klare Prioritäten: die Sicherung unseres Geschäfts und den Erhalt von Arbeitsplätzen." Thjnk hat deshalb alle CCOs der Gruppe darauf verständigt, sämtliche noch nicht beschickte Award-Shows, inklusive Cannes (!), für 2020 abzusagen. Einzige Ausnahme ist der Effie, der dieses Jahr keine Teilnahmegebühren erhebt.

Publicis, Omnicom, Havas ziehen mit

Es heißt, andere Werbe-Holdings hätten intern ähnliche Regelungen getroffen, aber offiziell bestätigt ist diese Information bislang nicht. Saatchi & Saatchi (Publicis) hatte sich ohnehin schon entschieden, an keinem Festival teilzunehmen. "In Zeiten, in denen es gilt, Arbeitsplätze zu sichern und das eigene Unternehmen durch den Sturm zu führen, sind Awards aus meiner persönlichen Sicht nicht angebracht", sagt Christian Rätsch, CEO von Saatchi & Saatchi in Düsseldorf. Hier gelte ganz klar: Kolleginnen und Kollegen vor Rankingplatz. Nur beim Effie wollen sie sich messen.

Von Heimat (Omnicom) aus Berlin heißt es: "Awards sind wichtig", so CCO Matthias Storath. "Aber dieses Jahr gibt es sehr viele andere Dinge, die sehr viel wichtiger sind. Um diese werden wir uns vorrangig kümmern."


"Wir können nicht weitermachen wie bisher"

Zitat: Götz Ulmer


Und Havas in Düsseldorf: "Wir werden nach Cannes erstmal keine weiteren Awards beschicken, außer den Effie. In einer Situation wie dieser geht es selbstverständlich um die Sicherung einer wirtschaftlichen Grundlage. Aber es geht mindestens genauso um Signale, die wir an die Mannschaft schicken. In so einer Zeit ist die Notwendigkeit von Award-Shows und Kreativrankings nicht vermittelbar", sagt CCO Eric Schoeffler.

Cannes nehmen sie noch mit

Für die meisten beschließen nun also die Cannes Lions diese kurze Award-Saison 2020. Einige Festivals wie Spotlight sind ja schon gelaufen oder die Fristen verstrichen wie bei Klappe, Webby, OneShow oder ADC. Auch für Cannes haben einige Agenturen bereits die Early-Bird-Angebote genutzt. Zurückziehen wäre unklug; das überwiesene Geld erstatten die Veranstalter nämlich nicht zurück. "Wenn eine Pandemie den Erdball erfasst, kann man eben nicht weitermachen wie bisher", sagt der Kreative und Partner von Jung von Matt, Götz Ulmer. Die Hamburger Agentur trifft das besonders hart. Wollte sie doch nach ihrer Award-Pause 2020 wieder ganz vorne mitmischen. Für Jung von Matt, die alle zwei Jahre aussetzen, geht es, wie schon 2018, um Platz eins.

Thjnk und Serviceplan beliefern nicht einmal Cannes. "Wir hatten sowieso schon beschlossen, dass wir bis Ende des Jahres keine Awards mehr beschicken. Auch nicht Cannes", sagt Alex Schill, Kreativchef der Serviceplan-Gruppe in München. "Es gibt kein Argument, das es rechtfertigen würde, in der jetzigen Situation Geld für Einreichungen auszugeben, anstatt es weiter in Mitarbeiter zu investieren." Ihnen gegenüber habe seine Firma eine Verantwortung. "Eine Agentur kann sehr gut auch ohne Awards überleben, aber nicht ohne Mitarbeiter."

BBDO zögert noch

Das scheint in diesen Tagen das Credo zu sein: Keep calm, carry on und geht gut miteinander um! Allerdings haben sich noch nicht alle Agenturen durchringen könen, Heuels Vorstoß zu folgen. Bedeckt halten sich BBDO sowie Scholz & Friends, im vergangenen Jahr die Nummer eins in Cannes. Es sei noch zu früh, die Folgen abzusehen, heißt es dort. Antoni denkt ebenfalls noch nach. Wenn auch Kreativchef Matthias Schmidt davon ausgeht, dass nach Cannes Schluss sein wird.

Mit ihrer Teilnahme am Effie wollen deutsche Agenturen den GWA unterstützen.

Mit ihrer Teilnahme am Effie wollen deutsche Agenturen den GWA unterstützen.

Und Diether Kerner, Kreativgeschäftsführer von Philipp und Keuntje (Fischer-Appelt) in Hamburg gibt zu bedenken, dass bei den Wettbewerben ja auch Menschen arbeiten, um Geld zu verdienen. Gehe es nicht auch darum, sie in Lohn und Brot zu halten? Seine Agentur reicht zwar nur sehr fokussiert ein, aber es gebe eben auch eine Zeit vor und eine Zeit nach Corona. Stimmt ja: Wer weiß schon, welche Festivals überleben werden. Der LIA ist abgesagt, der Clio ins nächste Jahr verschoben.

Haben Awards noch Zukunft?

Wie in so vielen Bereichen dürfte die Krise um das Corona-Virus auch hier wie ein Katalysator wirken und eine Diskussion beschleunigen, die seit Jahren schwelt. Welchen Sinn haben Awards und Rankings noch? Gerade die jungen Leute, sagt Fabian Frese, Kreativchef von Kolle Rebbe (Accenture), hätten gar kein großes Interesse mehr an diesen Listen. "Die schauen lieber, wo welche Arbeiten herkommen." Auch die Hamburger Agentur verabschiedet mit Cannes das Kreativ-Jahr 2020 und wie alle: berücksichtigen sie noch den Effie.


"Wir sollten den Zeitpunkt nutzen, um Awardshows und Kreativrankings neu zu bewerten"

Zitat: Eric Schoeffler


Eric Schoeffler von Havas schlägt vor, diese Chance zu nutzen: "Wie wär's, wenn wir im Dezember nicht den Gewinner des Kreativrankings, sondern die Solidarität und die Gemeinschaft innerhalb unserer Branche feiern?! Dazu sollten wir den Zeitpunkt nutzen, um das Thema Awardshows und Kreativranking neu zu bewerten und auch eingeschliffene Dinge zu hinterfragen."

Ralf Heuel hätte dazu schon einen Vorschlag: "Ich wäre geradezu entzückt, wenn wir endlich zu einem anderen System kommen könnten, das substanzieller ist, als Ende des Jahres Kreativpunkte mit Hilfe von Taschenrechner und einer Flasche Ovomaltine zu addieren und das dann mit 'Das sind Deutschlands kreativste Agenturen' zu betiteln. Wenn die Branche Ende des Jahres unbedingt eine Hitparade braucht, wäre ich sehr dafür, eine 'Agentur des Jahres' zu wählen. Mit einer professionellen Jury aus Agenturvertretern, Kunden, Presse. Kriterien könnten sein: Wachstum, Nachwuchsarbeit, technologische Kompetenz, große, sichtbare, kreative Kampagnen." Die Agenturen, meint er, kämen alle wieder ein bisschen zur Besinnung und zur Erkenntnis, dass es nicht ihre Aufgabe ist, eine riesige Award-Industrie zu finanzieren.

Jetzt schlägt die Stunde der Kreativen

Wie dem auch sei: Agenturen, die in den nächsten Wochen und Monaten von sich reden machen wollen, können jetzt nur über ihre Arbeit punkten. Gerade in Krisenzeiten ist Kreativität gefragt. Und es gibt ja bereits viele Beispiele dafür, wo Kunden und ihre Agenturen mit gutem Beispiel vorangegangen sind, wenn etwa McDonald's Leute von Aldi holt, sich die drei Drogeriemarktketten dm, Rossmann und Müller, eigentlich erbitterte Konkurrenten, verbünden, Städte wie Hamburg und München über eigene Plattformen die kleinen Läden unterstützen etc. etc.

"So geht substanzieller Wertbeitrag", sagt Christoph Pietsch, CMO von DDB in Düsseldorf. Da könnten Agenturen nun wirklich beweisen, das sie es ernst meinen als kreative Partner ihrer Kunden, die sie durch die Krise tragen. Und das, glaubt er, macht bestimmt allen viel mehr Spaß.


Conrad Breyer, W&V
Autor: Conrad Breyer

kam über Umwege ins Agenturressort der W&V, das er heute leitet. Als Allrounder sollte er einst einfach nur aushelfen, blieb dann aber. Er liebt alles, was Struktur hat in der Agenturwelt und Werbern unter den Nägeln brennt. Angefangen hat das alles mit einem Praktikum bei Media & Marketing, lange her. Privat engagiert er sich für LGBTI*-Rechte, insbesondere in der Ukraine.