Buchkritik
Thomas Koch: "Jean-Remy von Matt ist noch lange nicht 'am Ende'"
Jean-Remy von Matt hat ein neues Buch geschrieben. Sein letztes, denn "Am Ende – Erlebnisse und Erkenntnisse aus meinem kreativen Leben" ist sein autobiographisches Schlusswort. Eine weitere Besonderheit: Es ist, schreibt Jean-Remy gleich am Anfang, das erste Buch der Literaturgeschichte, das absichtlich von Anfang bis Ende immer schlechter wird. Was ich allerdings nicht bestätigen mag. Das Kapitel über den Tod seiner Mutter ("Gut gelaunt gestorben", Seite 158) ist ebenso fesselnd und empathisch wie seine Begegnung mit Gerhard Schröder ("Meine bangste Minute", Seite 43).
Es gelingt ihm, den Leser von Beginn an unfassbar tief in seine Erzählungen zu ziehen und er lässt nicht los, bis man das letzte Kapitel eingeatmet hat. Was eine "übergetötete Idee" ist, wusste ich zum Beispiel vorher auch nicht. Er kann mit Worten umgehen wie kein Zweiter, der "bekannteste Storyteller der deutschen Werbung". Seine Erlebnisse zu lesen, ist ein einzigartiger Genuss.
Man verzeihe mir meine ungeschönte Begeisterung. Es gibt in seinem und meinem Leben nun einmal etliche Parallelen, die sich nur schwer übersehen lassen: Das gleiche Baujahr, der gleiche Karriere-Start in Düsseldorf, gleich viele Ehen (!) – und, das war mir neu, den gleichen Beamten der Düsseldorfer Ausländerbehörde.
Jean-Remy musste 1975 seine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Er beschreibt den Vorgang: "Er wies mich an: ‚Du hier unterschreiben!‘ Ich antwortete: ‚Es gereicht mir zur Ehre, Gast Ihrer Heimat zu werden.‘"
Bei mir ging es seinerzeit um die Verlängerung meiner Aufenthaltserlaubnis. Auch ich wurde geduzt. Es war der gleiche, unflätige Beamte. Meine Antwort fiel nur nicht ganz so eloquent aus. Ich raunzte (nicht druckreif) zurück. Jean-Remy ist und bleibt ein Meister der Worte.
Sein Können zieht sich durch das ganze Buch. Mein Lieblingssatz lautet: "Warum gab es eigentlich noch nie eine Schweigeminute für alle verstorbenen Ideen?" Wer wissen möchte, welchen Beitrag einzigartige, herausragende Kreativität ("der Hebel allen Wachstums") zur Bildung von Marken und vor allem von Markenwerten leistet, wird fündig. Unzählige Beispiele von Mercedes über Bild und Edeka zu Sixt pflastern die Kapitel. Während Jean-Remy schreibt, wie es zu den spektakulären Kampagnen kam, wird man das Gefühl nicht los, in der Präsentation gleich neben ihm zu sitzen.
Jean-Remy, der Tüpflischisser