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Lesedauer 4 Min.

Nach SPD-Posse der Titanic: Reichelt entschuldigt sich beim Bild-Team

Nach der peinlichen Titanic-Aktion um SPD-Politiker Kevin Kühnert muss Bild-Chefredakteur Julian Reichelt verkünden: "Die Schlagzeile war im Nachhinein falsch."
© W&V

Chefredakteur Julian Reichelt konnte Bild nicht mit Tanit Koch führen -  aber kann er das Blatt ohne sie führen? Vergangenen Freitag kam es zu der folgenschweren Schlagzeile "Schmutzkampagne bei der SPD", für die Reichelt nun in einer internen Mail Stellung bezieht.

Der Bild-Chef zitiert darin ausgerechnet Jakob Augstein, der das Satireblatt Titanic für das Vorgehen rügt. Denn: Hinter der Bild-Titelstory rund um angebliche Mails des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert steckte Titanic. Das enthüllte das Satiremagazin am Mittwoch. 

Reichelt hat nun Erklärungsbedarf - und rechtfertigt sich im Blatt selbst wie auch per Rundschreiben ans Team. Die Stimmung innerhalb Deutschlands größter Boulevardzeitung soll im Keller sein.

Der Bild-Chef versucht nun mit der Mail ans Team Boden zu gewinnen. "Die Gewichtung als Schlagzeile war im Nachhinein falsch. Das geht allein auf mich", gibt er da zu - und animiert seine Mannschaft, "zusammenzustehen". Axel Springer hat die Echtheit der Mail auf Anfrage bestätigt.  

W&V bringt den Inhalt der Mail im Original

"Dear all, 

heute war kein leichter Tag für uns alle. 

Mir ist bewusst, dass viele von Euch Fragen im Freundeskreis ausgesetzt sind. Und vermutlich auch Häme. Es ist leicht, gegenüber BILD hämisch zu sein. Für viele Menschen gehört das zum Weltbild und zum guten Ton. Wir teilen aus, also müssen wir auch einstecken.Für die Entscheidung, die gefälschten Mails als Schlagzeile zu machen, bin allein ich verantwortlich. In Kenntnis aller nun zur Verfügung stehenden Fakten würde ich das so natürlich nicht mehr machen. Für diese Entscheidung habt Ihr alle nun viel auszuhalten. Aber gerade in solchen Situationen zeigt sich Zusammenhalt. Und dabei ist mir ein Punkt wichtig: Lasst Euch nicht verunsichern vom Spott auf Social Media. 

Wir haben über Mails berichtet, die von Titanic gefälscht wurden - das stimmt. Aber zu keinem Zeitpunkt sind wir auf das hereingefallen, was Titanic erreichen wollte. Wir haben eben NICHT geschrieben, dass Kevin Kühnert mit einem Russen zusammen arbeitet. Wir haben alle Seiten gehört und auch eingeordnet, dass die Stellungnahme der SPD plausibel ist. Wir haben den Titanic-Redakteur zwar (leider) nicht enttarnt, aber wir haben nie die Geschichte erzählt, in die Titanic uns hinein treiben wollte. 

An diesem Punkt haben unsere Mechanismen und - das ist besonders wichtig - unsere Diskussionskultur funktioniert und uns vor Schlimmerem bewahrt. Es ist wichtig, auch auf diese Fakten zu blicken, nicht nur auf den Sturm auf Social Media. 

Was nehme ich für mich mit? 

Es gibt Menschen, die uns vernichtende und sehr professionell gefälschte Falschinformationen unterjubeln wollen. Das sollten wir alle nicht im Hinter-, sondern im Vorderkopf behalten. Ich zitiere hier einmal ausgerechnet Jakob Augstein, der einer unserer schärfsten Kritiker ist: "Titanic hat BILD bewusst getäuscht, mit echtem 'kriminellen' Aufwand. So lässt sich jede Zeitung, jede Institution täuschen. Ich erkenne das aufklärerische Interesse nicht. Das ist reine Destruktion. Die Freude ist groß, weil es gegen BILD geht. Das ist mir zu billig."

Filipp Piatov ist ein großartiger Kollege, der in den letzten Monaten immer wieder spektakuläre Recherchen zum Thema Desinformation abgeliefert hat. Er hat bei dieser Geschichte alles getan, um die ihm zugespielten Informationen zu prüfen und sich auch bei dieser Recherche höchst professionell verhalten und mich von Beginn an in alle Schritte eingebunden. Ausgerechnet ihn wollte man von einer direkten Verbindung zwischen Kevin Kühnert und Russland überzeugen - aber das ist nicht gelungen. Ich habe Filipp selber eingestellt und ich bin jeden Tag froh über diese Entscheidung.  

Wie gesagt, die Gewichtung als Schlagzeile war im Nachhinein falsch. Das geht allein auf mich. Aber zusammenzustehen, wenn wir Anfeindungen ausgesetzt sind, geht auf uns alle.

Best,

j."

Julian Reichelt scheint Verstärkung in seiner Runde zu brauchen. So verkündet Axel Springer am Donnerstagmorgen, dass Unterhaltungschefin Sissi Benner zum 1. März auch stellvertretende Chefredakteurin Bild wird. Die 40-Jährige, seit 2010 bei Bild an Bord, berichtet an den 37-jährigen Reichelt, der seit Februar allein an der Spitze der Redaktion steht. 

Reichelt tritt indes nach:

Und das Netz? Analysiert und verspottet die #miomiogate genannte Blamage so gern:  

lip/ps

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