Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Lesedauer 4 Min.

Den Bio-Läden laufen die Kunden weg

Immer mehr Reformhäuser, Naturkostläden und Bio-Supermärkte kämpfen ums Überleben. Denn die Deutschen greifen zwar auch in der aktuellen Krise gerne zu Bio-Produkten. Aber sie achten dabei mehr auf den Preis.
© W&V

In der Corona-Pandemie gehörten Bio-Supermärkte, Reformhäuser und Naturkostläden noch zu den Krisengewinnern. Doch seitdem infolge des Ukrainekrieges die Energie- und Lebensmittelpreise explodieren, hat sich das Bild gewandelt. Die Kunden bleiben weg. Selbst traditionsreiche Biohändler kämpfen mittlerweile ums Überleben. 
"Bio-Supermärkte, Reformhäuser und Naturkostläden erleiden zurzeit deutliche Umsatzeinbußen", sagte der Handelsexperte Robert Kecskes vom Marktforschungsunternehmen GfK der Deutschen Presse-Agentur. Der Grund: Angesichts knapper Kassen kaufen viel Verbraucherinnen und Verbraucher Bioprodukte immer öfter im Supermarkt oder beim Discounter. 

Nach den jüngsten Zahlen der GfK lagen die Umsätze der Biosupermärkte im August um 10,8 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Die Naturkostläden und Reformhäuser verzeichneten sogar ein Minus von 37,5 Prozent. Der Chef der Bio-Kette Alnatura Götz Rhen, klagte kürzlich: "Der Bio-Markt erlebt gerade den schlimmsten Einbruch seit 35 Jahren."  

Erste Insolvenzen

Die ersten Händler mussten bereits den Gang zum Insolvenzgericht antreten: Die 1927 gegründete Reformhauskette Bacher mit ihren bundesweit mehr als 100 Filialen beantragte im Sommer Insolvenz in Eigenverwaltung. Die Kette Superbiomarkt mit rund 30 Filialen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen suchte Rettung in einem Schutzschirmverfahren. Doch nicht nur Branchengrößen, auch viele kleine Unverpackt-Läden kämpfen ums Überleben. Und das Branchenfachblatt "Lebensmittel Zeitung" warnte: "Der Ausleseprozess hat gerade erst begonnen." 
"Wenn man nur die Zahlen der Fachmärkte sieht, könnte man den Eindruck haben, Bio spiele angesichts der hohen Inflation keine so große Rolle mehr im Bewusstsein der Verbraucherinnen und Verbraucher. Aber das ist nicht wahr", sagte Kecskes. Bio gewinne sogar weiter Marktanteile. Doch die Menschen hätten ihre Einkaufsverhalten deutlich geändert, um angesichts der gestiegenen Preise ihre Wünsche nach einem nachhaltigen Konsum mit ihrem kleiner werdenden finanziellen Spielraum unter einen Hut zu bringen. 

Bereits seit Ende des letzten Jahres ist Kecskes zufolge zu beobachten, dass die Menschen weniger in den häufig als hochpreisig empfundenen Bio-Fachgeschäften einkaufen und stattdessen günstigere Alternativen suchen. Schritt für Schritt hätten Verbraucherinnen und Verbraucher Bio-Einkäufe in die klassischen Supermärkten wie Rewe oder Edeka verlagert. 
"Jetzt sehen wir aufgrund der starken Preiserhöhungen die nächste Stufe", sagte Kecskes. Beim Einkauf im Supermarkt werde immer öfter vom Bio-Markenprodukt zur Bio-Handelsmarke gewechselt. Oder die Bioprodukte würden gleich beim Discounter einkauft. "Die Verbraucher kaufen weiter Bio ein, aber eben günstiger."  

Bio-Markenartikel weniger gefragt

Das bekommen auch die Markenartikelhersteller im Bio-Bereich zu spüren. Zwischen Juni 2021 und Juni 2022 büßten sie laut GfK rund 8,9 Prozent ihrer Umsätze ein, während die Eigenmarken der Handelsketten um 9 Prozent zulegten. 
Tatsächlich müssen viele Verbraucher sparen. Schließlich waren Lebensmittel nach den jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes im September durchschnittlich um 18,7 Prozent teurer als noch ein Jahr zuvor. Und auch das Heizen, das Tanken und der Strom wurden deutlich teuerer.  

Sollten sich die finanziellen Probleme der Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland in den nächsten Monaten weiter zuspitzen, droht der Bio-Branche nach Einschätzung von Kecskes weiteres Ungemach. Noch versuchten viele Menschen weiterhin Bio-Produkte zu kaufen, indem sie auf günstigere Angebote auswichen. Doch es könne der Punkt kommen, an dem so mancher angesichts knapper Kassen ganz darauf verzichten müsse. 
Doch selbst wenn sich die finanzielle Situation der Menschen in absehbarer Zeit wieder verbessern sollte, dürfte es für die Fachmärkte und die Markenartikelhersteller nach Einschätzung von Kecskes nicht einfach werden, die verlorenen Kunden zurückzugewinnen. Im Gegenteil: "Wenn die Menschen mit den günstigeren Handelsmarken und Discounterprodukten, die sie jetzt kennengelernt haben, zufrieden sind, ist das eine echte Herausforderung." (Erich Reimann, dpa/st)

Neueste Beiträge

Ein Jahr im Amt
WuV Community Icon Stephan Lachmann: "Ich führe Havas wie meine eigene Agentur"
Gut ein Jahr ist Stephan Lachmann jetzt als CEO von Havas im Amt. Er hat das Network als social driven Brand Agency neu ausgerichtet - jedenfalls war das der Plan. Wo steht Havas heute? Lachmann zieht eine erste Bilanz und spart dabei auch nicht an Kritik.
16 Minuten
15. Okt 2026
Neurotech-Marketing
WuV Community Icon Muse: Hirnströme und der richtige Weg zur Kundschaft
Ein Stirnband, das Hirnaktivität misst und bei Schlaf und Konzentration helfen soll, verkauft sich nicht von allein. Das kanadische Unternehmen Muse hat das klar erkannt und daraus Konsequenzen gezogen. Und das auch beim Marketing.
15 Minuten
16. Okt 2026
Jugendschutz auf Social Media
WuV Community Icon Social-Media-Verbote stellen die Werbewirtschaft vor Fragen
Mithilfe von Alterskontrollen will die EU Kinder unter 13 Jahren von Social Media fernhalten. Wirtschaftspsychologe Joost van Treeck erklärt, warum Verbote sogar kontraproduktiv sein können und was das mit Werbung zu tun hat.
6 Minuten
16. Okt 2026

Das könnte dich auch interessieren

Interview
WuV Community Icon KiK dreht nicht mehr: So entstehen die neuen TV-Spots mit KI
KiK lässt die visuellen Inhalte seiner neuen TV-Spots vollständig mit generativer KI erstellen. Factory-COO Marc Schnitzler erklärt, welche klassischen Gewerke sich dadurch ändern und wo der Mensch unverzichtbar bleibt.
8 Minuten
US Supreme Court Urteil
WuV Community Icon Warum KI niemals träumt: Das Urheberrecht und die Seele der Kreativität
Der Supreme Court verweigert maschinell erzeugten Bildern das Urheberrecht. Was wie eine juristische Formalie wirkt, offenbart bei genauerer Betrachtung das tiefste Geheimnis unserer Branche: Wahre Kreativität ist untrennbar mit der menschlichen Existenz und all ihren Unzulänglichkeiten verbunden.
4 Minuten
9. Mär 2026
Künstliche Intelligenz und Ethik
WuV Community Icon Wenn Empathie-Simulation zur Gefahr wird: Tech-Giganten im Visier der Justiz
Die rasante Evolution generativer Sprachmodelle offenbart zunehmend ihre gesellschaftlichen Schattenseiten. Ein profilierter US-Anwalt, der derzeit Opfer von sogenannter „KI-Psychose“ vertritt, richtet nun eine drastische Warnung an die Technologiebranche: Die intime, unregulierte Bindung zwischen vulnerablen Nutzern und Chatbots berge ein massives, bislang massiv unterschätztes Eskalationspotenzial.
3 Minuten
16. Mär 2026
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige