Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Lesedauer 4 Min.

Lidl schränkt Werbung für ungesunde Lebensmittel ein

Als erster deutscher Einzelhändler setzt Lidl eine WHO-Empfehlung um und schränkt auf Kinder abzielende Werbung für ungesunde Lebensmittel ein. Zu bestimmten Anlässen gibt es jedoch Ausnahmen.
© W&V

Vom Kinderpudding bis zum Joghurt mit Schokolinsen, vom Frühstückskakao bis zum zuckersüßen Getränk für die Schulpause: Lebensmittel für Kinder sind ein Milliardengeschäft. Doch Gesundheitsexperten ist die Zusammensetzung der Produkte oft ein Dorn im Auge. Sie klagen über zu viel Zucker, zu viel Fett und zu viel Salz in vielen der oft aufwendig beworbenen Produkte und fordern seit Jahren ein Umdenken von Handel und Industrie.
Der Discounter Lidl hat jetzt dabei eine Vorreiterrolle übernommen. Der Billiganbieter kündigte am Dienstag an, ab sofort keine auf Kinder abzielende Werbung für ungesunde Lebensmittel – etwa überzuckerte Joghurts oder Getränke, aber auch Schokolade – mehr machen. Ausnahmen soll es nur für Aktionsartikel zu Weihnachten, Ostern oder Halloween geben - also etwa für Schokoladen-Weihnachtsmänner oder -Osterhasen.
"Lidl setzt damit als erster deutscher Lebensmitteleinzelhändler eine entsprechende Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um", teilte der Discounter mit. Doch geht das Unternehmen noch weiter. Bis Ende 2025 will Lidl außerdem nur noch solche Lebensmittel in für Kinder attraktiver Verpackung verkaufen, die die WHO-Kriterien für gesunde Nahrung erfüllen. Die Verpackungen würden Schritt für Schritt umgestellt. "Da eine Fehlernährung im Kindesalter das Risiko ernährungsbedingter Erkrankungen im Erwachsenenalter erhöht, ist die Bewerbung gesunder Lebensmittel und der Verzicht von Werbung ungesunder Lebensmittel bis zum 14. Lebensjahr zentral für die Gesundheit", heißt es in einer Präsentation des Unternehmens. 

Foodwatch fordert Mitbewerber zum Nachziehen auf

Das Wissenschaftsbündnis Deutsche Allianz Nichtübertragbare Krankheiten lobte, Lidl gehe "deutlich über die Selbstverpflichtungen anderer Hersteller und Einzelhändler hinaus". Die Verbraucherorganisation Foodwatch forderte die Wettbewerber auf, dem Beispiel von Lidl zu folgen. "Das ist angesichts grassierender Fehlernährung bei jungen Menschen mit zum Teil tödlichen Folgen ein wichtiger, aber auch längst überfälliger Schritt", sagte Luise Molling von Foodwatch. Von Aldi, Rewe und Edeka war zunächst allerdings keine Stellungnahme zu erhalten.
Fakt ist: Wissenschaftliche Studien zufolge sind aktuell etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland von Übergewicht und sechs Prozent sogar von starkem Übergewicht (Adipositas) betroffen. Dies kann im späteren Leben zu Krankheiten wie Typ-2-Diabetes, Gelenkproblemen, Bluthochdruck und Herzerkrankungen führen.
"Zahlreiche Produkte mit Kinderoptik zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie reichlich Zucker, Fett und Zusatzstoffe enthalten – und häufig auch deutlich teurer sind", kritisierte erst kürzlich der Bundesverband der Verbraucherzentralen. 

Die meisten Kinderprodukte sind ungesund

Dabei ist die Problematik beileibe nicht auf die Eigenmarken der Handelsketten beschränkt. Eine Untersuchung von 283 Lebensmittelprodukten führender Markenhersteller durch Foodwatch ergab 2021, dass 85,5 Prozent der gezielt für Kinder beworbenen Produkte gemessen an den WHO-Standards zu viel Zucker, Fett und/oder Salz enthielten. Das Ergebnis sei damit trotz einer Selbstverpflichtung der Industrie zur freiwilligen Zuckerreduktion kaum besser ausgefallen als im Jahr 2015. Und auch seit 2021 seien nur wenige Fortschritte zu sehen, urteilte ein Foodwatch-Sprecher am Dienstag.
Die Markenhersteller sehen das naturgemäß anders. Der Konsumgüterriese Unilever (Langnese, Knorr) betonte auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, er habe bereits im April vergangenen Jahres die Vermarktung und Werbung von Lebensmitteln und Getränken an Kinder unter 16 Jahren sowohl für traditionelle Medien als auch für Social Media eingestellt. Der Lebensmittelkonzern Mondelez, bekannt unter anderem für die Marken Milka und Oreo, teilte mit, er halte sich in Deutschland bei all seinen Werbemaßnahmen an die Selbstverpflichtung, "keinerlei Werbung zu schalten, die das Ziel hat, Kinder unter 14 Jahren zu erreichen". Auch Wettbewerber Danone betonte: "Wir unterstützen Regelungen in diese Richtung." Produkte wie die Fruchtzwerge "weniger süß" hielten die Nährwert-Kriterien der WHO heute bereits ein, sagte eine Unternehmenssprecherin. 

Verbraucherschutzminister fordern Junkfood-Werbeverbot

Doch überzeugt das bisherige Engagement der Branche offensichtlich längst nicht alle Kritiker. Die Bundesregierung hat das Thema inzwischen auf die Tagesordnung gesetzt. Im Koalitionsvertrag der Ampel-Koalition heißt es im Kapitel Ernährung: "An Kinder gerichtete Werbung für Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und Salzgehalt darf es in Zukunft bei Sendungen und Formaten für unter 14-Jährige nicht mehr geben." Und auch die Verbraucherschutzminister der Länder haben bereits 2022 ein Junkfood-Werbeverbot für Kinder gefordert.
Bei großen Teilen der Bevölkerung würden striktere Regeln für ungesunde Kinderprodukte wohl offene Türen einrennen. Bei einer Umfrage des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen befürworteten 83 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher Obergrenzen für Zucker, Fett und Salz bei Lebensmitteln, die sich in Aufmachung und Gestaltung an Kinder richten. (Erich Reimann, dpa)

Neueste Beiträge

Neue Markenplattform
WuV Community Icon Was hinter Lieferandos Wechsel zum neuen Werbespruch steckt
Mit „Bleib einfach im Moment“ verändert Lieferando seinen Markenauftritt. Gegenüber W&V erklärt das Unternehmen, was aus „Hör ich da Lieferando?“ wird und wie es künftig andere Lieferungen bewirbt.
4 Minuten
12. Okt 2026
Werbung in KI-Anwendungen
WuV Community Icon Warum ChatGPT Ads für Werbetreibende noch eine Blackbox sind
Agenturchef Hans Ratzmann testet ChatGPT Ads für Kunden und für seine Agentur. Im W&V-Interview erklärt er, was ihm bei der Steuerung fehlt und welche Aufgaben gesponserte KI-Agenten künftig übernehmen könnten.
7 Minuten
12. Okt 2026
Realize ID
WuV Community Icon Taboola-CEO Singolda: Unser Gegenmodell zu Google und Meta
Mit Realize ID will Taboola Kaufabsichten aus Mediennutzung und Anzeigenkontakten vorhersagen. CEO Adam Singolda erklärt den Ansatz und die Unterschiede zu closed Loop-Verfahren von Google oder Meta.
6 Minuten
12. Okt 2026

Das könnte dich auch interessieren

Interview
WuV Community Icon Ulrich Klenke: "Wer Marke nur als Summe seiner Produkte begreift, denkt zu kurz"
Die Telekom ist erneut auf Platz eins beim BrandZ-Ranking. Wir sprachen mit Ulrich Klenke, Chief Brand Officer der Deutschen Telekom, was er aus der Analyse mitnimmt, welche Marken ihn positiv überraschen – und wie man eine Marke aus dem Tal führt.
9 Minuten
12. Mär 2026
Live vom W&V-Summit
WuV Community Icon Die Zukunft des Marketings entscheidet sich nicht am Tool
Sechs Kurzvorträge, sechs Perspektiven, ein gemeinsamer Befund: Das Marketing von morgen wird nicht allein durch KI, Daten und Automatisierung geprägt. Entscheidend wird, ob Unternehmen wieder mutiger innovieren, Marken strategisch führen und Verantwortung neu verteilen.
6 Minuten
12. Mär 2026
W&V Event
WuV Community Icon Top 100 meets Top U33: Die besten Bilder
Kurz vor dem Deutschen Mediapreis trafen sich in München die W&V Top 100 und Top U33 zum Warm-up. So viele inspirierende, tatkräftige und herausragende Persönlichkeiten in einer Location - das sorgte für gute Laune. Wir haben die schönsten Bilder des Treffens.
2 Minuten
12. Mär 2026
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige