Botschafter Melnyk legt nach
Neuer Russland-Ärger für Ritter Sport
Anders als viele andere Unternehmen hatte Ritter Sport nach Beginn des Invasionskrieges in der Ukraine sein Geschäft nicht aus Russland zurückgezogen. Im März hagelte es deswegen heftige Kritik, nicht zuletzt von dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk, der den berühmten Werbeslogan des Unternehmens medienwirksam in "Quadratisch. Praktisch. Blut" umgedichtet hatte. Monate später wird diese Diskussion nun erneut entfacht: Ritter Sport und Schokolade trenden mit polarisierenden Meinungen auf Twitter, und auch Melnyk hat sich kurz vor dem Ende seiner Dienstzeit wieder zu Wort gemeldet.
Auslöser war ein "Tagesspiegel"-Interview mit Ritter-Sport-Geschäftsführer Andreas Ronken, in dem er die Entscheidung, Russland weiterhin zu beliefern, erneut verteidigte - und auch den vergangenen Shitstorm und Melnyks Reaktion erwähnte.
Ritter Sport verteidigt sein Russlandgeschäft - und Melnyk schießt nach
Man verurteile den Krieg "vehement", wie Ronken in dem Interview sagte. Aber "es geht um Arbeitsplätze, in Russland, in Waldenbuch und auch in den Anbauländern bei den Kakaobauern, die man in eine Krise stürzt", wie er weiter erklärte. Zudem sei man nicht das einzige Unternehmen, das sein Russlandgeschäft weiterführe, und auch Deutschlands Gasgeschäft nannte Ronken als Beispiel. Doch als mittelständisches Unternehmen mit bekannter Marke sei man eine willkommene Projektionsfläche für einen öffentlichen Shitstorm auf Social Media gewesen. "Der damalige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hat es verstanden, diese emotional zu nutzen", so Ronken. Nach der Diskussion habe er persönliche Drohungen erhalten.
Diese Stelle im Interview hat Melnyk in einem aktuellen Twitter-Post rot eingekreist und bekräftigt dazu erneut seine scharfe Kritik an dem Unternehmen. "Ritter Sport hat die Kritik ausgesessen & liefert brav weiter nach Russland. Das wird nie vergessen werden. Die Ukrainer werden NIE ihre Schokolade berühren, Herr Ronken & Co. Viel Glück für Ihre Geschäfte mit dem Aggressor", schrieb er.
Polarisierende Reaktionen auf Social Media
Wie bereits vor fünf Monaten beschränkt sich der Schlagabtausch nicht zwischen dem scheidenden Botschafter und dem Schokoladenhersteller, sondern ruft auch Reaktionen auf Social Media auf den Plan, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Erneut machen die auch von Melnyk geteilten Bildbearbeitungen von Rittersporttafeln mit makabren Geschmacksrichtungen und Namen die Runde. Es sei "zutiefst beschämend,wie #RitterSport auf das Blutgeld aus Russland schielt", heißt es in einem der Tausenden Tweets zu dem Thema, ein anderer lautet: "Wenn sie nicht nur an Demokratien liefern können, müssen sie auf demokratische Einnahmen verzichten. So sehe ich das."
Andere sehen nicht ein, sich an einem Boykott zu beteiligen. "Der Elefant im Porzellanladen, Andrij Melnyk, behandelt Ritter Sport wie Kriegsverbrecher, weil sie nach wie vor Schokolade nach Russland liefern. Warum hackt man immer auf ein einfaches Unternehmen ein, als ob es Atomwaffen liefern würde?" heißt es auch. Und: "Wenn wir alle Firmen boykottieren die in unseren Augen nicht richtig handeln, dürften wir nur noch Blätter vom Baum fressen!"
Nach dem letzten Shitstorm im März hatte Ritter Sport verkündet, die Gewinne aus dem Russlandgeschäft spenden zu wollen. Dieses Vorhaben bestätigte Ronken in seinem aktuellen Interview, man wolle aber auch kein "Social Washing" betreiben.
Melnyk hat indes nicht mehr viele Gelegenheiten, mit kontroversen Aussagen - Bundeskanzler Olaf Scholz hatte er in der Vergangenheit als "beleidigte Leberwurst" bezeichnet - aufzufallen. Der Botschafter wurde bereits abberufen und soll im Oktober einen neuen Posten in Kyjiw antreten.