Die chinesischen Behörden sind bei der schrittweisen Rückkehr zu einer neuen Normalität sehr vorsichtig und gehen auch wieder einen Schritt zurück, wenn sie es für nötig erachten. Im April hatten die ersten Kinos geöffnet, allerdings nur für wenige Tage. Als die Provinz Heilongjiang neue reimportierte Covid-19-Fälle von chinesischen Rückkehrern aus Russland meldeten, wurden auch in Shanghai die Kinos sofort wieder auf unbestimmte Zeit geschlossen. 

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Buy one get one free wird zur Regel

Der Wettbewerb zwischen den Restaurants und Bars in Shanghai ist immens hoch. Spezialangebote an einem bestimmten Tag ist nichts Neues, das kennt man. Neu ist, wie massiv mit Lockangeboten um die Gäste geworben wird, die sich seit Wochen wieder trauen auszugehen. In meinem Lieblingsrestaurant Cotton’s zum Beispiel ist seit Covid-19 jeder Wochentag ein 50-Prozent-Spartag. Montags sind es Mojitos, dienstags Burger, mittwochs Austern, donnerstags Steaks und freitags Aperol Sprizz. Über den Preis gewinnt man Kunden wieder zurück.

Angebote

Harter Wettbewerb: Bei Cotton’s ist seit Covid-19 praktisch jeder Tag ein Buy-one-get-one-Free-Tag.

Drastische Preisreduzierungen sind in China aktuell ein bevorzugtes Mittel, um den Kaufanreiz zu stimulieren. Nicht nur in Restaurants. Auch Hotels werben mit attraktiven Paketen oder Upgrades. Doch beim Reisen sind die Chinesen aber immer noch vorsichtig. Erfolgreicher ist der Einzelhandel: Seit Öffnung der Läden locken sie mit einer aggressiven Preispolitik die Menschen wieder in die Einkaufsstraßen und in die Shops.

Mein Kollege Adam war letzte Woche im Adidas-Flagshipstore und hat für die ganze Familie eingekauft. Warum? Gestaffelte Preisreduzierung. Beim Kauf von zwei Artikeln gab es 20 Prozent Nachlass, bei 3 Artikeln 30 Prozent und ab 4 Artikeln 40 Prozent. Der Einkauf wird zum Familien-Schnäppchen. 

Die Regierung in Shanghai hat mit dem 5. Mai (Double 5) einen neuen Shopping-Tag quasi erfunden, um die Nachfrage anzukurbeln. Der „Tag“ geht allerdings von 1. Mai bis 30. Juni. Online und vor allem auch Offline beteiligen sich Shops und Malls mit Sonderaktionen an dem neuen Shopping Festival. In der Shanghai Bailian Century Shopping Mall gab es beispielsweise bis zu 90 Prozent Preisreduzierung auf das zweite Produkt. 

5. Mai

Zum 5. Mail erfindet Shanghai erfindet ein neues Shopping Festival, um den Konsum anzuregen. Es heißt Doppel 5.

Der Wunsch nach Konsum 

In China wurde von vielen nach der Lockdown-Phase das Phänomen der „Retaliatory Consumption“ oder auch „Revenge Consumption“ erwartet. Nach Wochen der Einschränkung würden die Chinesen als Kompensation jetzt besonders viel konsumieren, so die Erwartung. Das ist nur zum Teil eingetreten. Zum einen ist E-Commerce in China besonders stark ausgeprägt und auch während der Zeit des Lockdowns wurde online weiter konsumiert. Zum anderen mussten viele Menschen Gehaltseinbußen hinnehmen und sind daher immer noch zurückhaltend. 

Die Schlagzeilen des wiedererstarkten Konsums gehörten vor allem den Luxusmarken. So erzielte die zweitgrößte Boutique der Modemarke Hermès in China in Guangzhou einen Verkaufserlös von über 2,44 Millionen Euro. Viele Artikel waren innerhalb eines Tages ausverkauft. Eine junge Dame soll dabei Modeaccessoires im Wert von rund 120.000 Euro gekauft haben. 

Eine besondere Entwicklung zeichnet sich im Automobilmarkt ab. Nachdem der Markt im Februar einen Einbruch von 80 Prozent verzeichnete, im März 40 Prozent und im April lediglich 10 Prozent, ist im Mai für einige Marken schon wieder Normalität eingekehrt. Laut vorsichtiger Prognose des CEO der Volkswagengruppe China, Stephan Wöllenstein, könnte das Unternehmen am Jahresende ein Ergebnis präsentieren, das nicht weit weg ist von der ursprünglichen Planung vor Covid-19.

Autos schützen vor Infektion

Wie ist das nach diesen Einbrüchen möglich? Volkswagen sieht zwei wesentliche Gründe: Chinesen, die in den letzten Monaten kein Auto kaufen konnten, füllen jetzt wieder die Ausstellungsräume der Händlerbetriebe. Darunter mischen sich, und das ist die zweite Erkenntnis, eine neue Art von Kunden: Es handelt sich um Chinesen, die aufgrund von Covid-19 nun ein eigenes Fahrzeug besitzen wollen, um den Risiken einer Infektion in öffentlichen Verkehrsmitteln zu entgehen. Die Gruppe der Erstkäufer macht rund 60 Prozent der Kunden in China aus. 

In Shanghai ist das Leben schon fast wieder so wie vorher. Manchmal vergessen wir Covid. Es sind die Masken, die uns daran erinnern, dass das Virus nicht verschwunden ist, und die Werbeplakate der lächelnden Schaufensterpuppen. Auch wenn Shanghai bereits seit Wochen null bis einen neuen Fall meldet.

Was war über die Krise in den chinesischen Medien zu lesen, welche Rolle haben die Journalisten gespielt? Darüber spreche ich in der 18. und letzten Folge unserer Serie Corona Days mit der chinesischen Nachrichtenredakteurin und Medienexpertin Wenming Dai. Bis dahin. Bleibt gesund.


Stefan Justl

Stefan Justl verantwortet als General Manager das Geschäft von Storymaker in China. Die Kommunikationsagentur sitzt in Tübingen, München, Berlin, Beijing und Shanghai. Direkt vom Shanghai-Homeoffice aus berichtet er nun zweimal pro Woche auf wuv.de über die Auswirkungen von Corona in China, den Umgang mit der Krise und wie es dort jetzt weitergeht. 

Den Pilot der Serie "Arbeiten in Shanghai: 45 Tage Corona-Schockstarre" lesen Sie hier. Hier geht's zu den Beiträgen über Einkaufendie Gesundheits-App , SchutzmaskenHomeschoolinghilfreiche Appssaubere LuftTeleshoppingdeutsche Unternehmen in ChinaHumorBüroalltagMarketingUrlaubMessenMedienvirtuelle Kommunikation und Krisenberichterstattung

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Autor: W&V Leserautor

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