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Lesedauer 6 Min.

Sechs Prognosen zur Arbeitswelt nach Corona

Es lohnt sich schon jetzt, über die Zeit nach der Coronakrise nachzudenken, sagen die HR-Spezialisten Andreas Herde und Oliver Burauen. Welche Auswirkungen sie auf Berufsbilder, Führung und die Gen Z sehen.
© W&V

Wir befinden uns gerade, ausgelöst durch das Corona-Virus, in der größten Krise des 21. Jahrhunderts. Und seien wir ehrlich: Niemand kann heute mit Gewissheit vorhersagen, wann und wie diese Krise enden wird und welches Erbe in Form von Veränderungen in allen Lebensbereichen sie uns hinterlassen wird.

Allerdings ist es keine gute Strategie, das aktuelle Geschehen wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange über sich ergehen zu lassen. Jeder sollte vielmehr in seinem jeweiligen Kompetenzbereich aufmerksam beobachten, welche Auswirkungen die momentanen Umwälzungen haben und noch haben könnten. Denn nur, wenn wir die Lernerfahrung dieser Krise nutzen, können wir auch gestärkt aus ihr hervorgehen.

Da ungewöhnliche Situationen ungewöhnliche Aktionen erfordern, hat YeaHR! die Initiative ergriffen und den Dialog mit Grapevine Marketing, in normalen Zeiten Wettbewerber im Bereich Employer Branding, gesucht, um über die Krisen-Folgen für unser Betätigungsfeld nachzudenken und sie in Form von sechs Prognosen zu skizzieren. Hier kommt das Ergebnis unseres Gedankenaustauschs:

1. Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt mit diversen Strömungen

Die Krise wird ohne Zweifel heftige Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt auslösen. Trotz aller Bemühungen vonseiten der Unternehmen und der Politik wird es unausweichlich Insolvenzen mit Entlassungen geben. Unklar ist derzeit lediglich noch deren Ausmaß. Zumindest Teile der betroffenen Unternehmer und Arbeitnehmer werden sich, ganz gleich, ob aus freien Stücken oder notgedrungen, in ihrer beruflichen Tätigkeit neu orientieren. Dabei werden wir drei Strömungen sehen:

  • Wir prognostizieren eine Art neuer Gründerzeit mit einer lokaleren und regionaleren Ausrichtung als bisher. Die Globalisierung hat in der Krise ihre Schwächen offenbart.
  • Wir lernen gerade schmerzhaft, dass es nicht immer klug ist, dass bestimmte Produkte, die zum Teil zwar simpel sind, aber sehr wichtig werden können, aus Kostengründen ausschließlich in Fernost produziert werden. Der Wunsch nach mehr Autarkie wird von einer Welle neuer Gründer bedient werden.
  • Wir werden zudem eine weitere Verstärkung des bereits vor der Krise vorhandenen Wunsches nach sinnstiftender beruflicher Tätigkeit sehen. Die Sinnhaftigkeit der beruflichen Betätigung wird gegenüber der turbo-kapitalistischen Ausrichtung noch einmal an Boden gewinnen.

Die letzte weltumspannende Wirtschaftskrise liegt mehr als zehn Jahre zurück. Die unzähligen Menschen, die in der letzten Dekade in das Arbeitsleben eingetreten sind, kannten bislang nur eine konjunkturelle Richtung: aufwärts. Die Corona-Krise ist insbesondere für diese Gruppe eine einschneidende Erfahrung. Ausgelöst durch die Krise wird der Wunsch nach Sicherheit im Berufsleben stärker werden. Gewinner müssen hierbei nicht zwingend Konzerne sein, wie derzeit an den großen Luftfahrt-, Reise- und sogar Automobilkonzernen zu sehen ist. Profiteur dieser Entwicklung könnte, wenn er seine Karten geschickt ausspielt, zum Beispiel durchaus der Öffentliche Dienst sein.

2. Aufwertung von Berufsbildern

Wir werden auch eine Aufwertung vieler Berufsbilder erleben, deren Wichtigkeit vielen erst in der jetzigen Krise klar wird. Hierzu gehören zum Beispiel die Pflegeberufe. Deren Bedeutung für unser Gemeinwesen führte bislang leider eine Art Schattendasein. Nach der Krise werden wir erleben, dass die Wertschätzung für Krankenschwestern und Pfleger steigt und deren Ansehen vergleichbar wird mit öffentlich hoch angesehenen Berufen wie zum Beispiel der Feuerwehr. Und das ist gut. Aber auch bei der Bewertung der viel zu oft unterschätzten Tätigkeiten vieler anderer Helden des Alltags, exemplarisch seien die Beschäftigten im Lebensmittel-Einzelhandel genannt, erwarten wir mehr Fairness. Hier mischt sich unsere Prognose, das geben wir zu, ein wenig mit der Hoffnung, dass unser kollektives Gedächtnis hier deutlich über die Zeit unmittelbar nach der Krise hinausreichen möge.

3. Virtualisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt schreiten voran

Die in der aktuellen Krise quasi erzwungene Virtualisierung, Flexibilisierung und Digitalisierung der täglichen Arbeitsabläufe besteht gerade die Feuertaufe. Ein medizinischer Virus wird also gerade zum Digitalisierungstreiber und beschleunigt eine Entwicklung, die bislang häufig von überkommenen Vorstellungen ausgebremst worden war. Von vielen Führungskräften bis dato skeptisch beäugte Tools wie Home-Office, collaborative digital work oder Video-Konferenzen sind aktuell alternativlos. Und siehe da: Es funktioniert. Dieser durch Corona erzwungene Erfahrungswert wird nachwirken. Anwesenheitskultur und der Kontrolltrieb vieler Führungskräfte wackeln gerade in ihren Grundfesten.

Rund 40 Prozent der deutschen Arbeitsplätze sind grundsätzlich geeignet für Home-Office. Nur bei zwölf Prozent war Arbeiten von zu Hause vor der Krise tatsächlich gängige Praxis. Das wird sich gründlich ändern.

4. Führungskultur wird generalüberholt

Die gerade beschriebene Entwicklung wird auch massive Auswirkungen auf die Führungskultur haben. Führungskräfte, die old school auf Kontrolle und Anwesenheit setzen, stellen gerade schmerzhaft fest, dass ihr Führungsstil überholt ist, weil es auch ganz anders geht. Und zwar besser.

Schon jetzt während der Krise wird deutlich, dass modernes Führen Moderation statt Kontrolle, das Einräumen von Freiräumen statt Restriktionen erfordert. Dieser Geist modernen, vorwärts gewandten und auf Vertrauen setzenden Führens ist nun dauerhaft aus der Flasche. Wir hoffen und glauben das zumindest.

5. Corona-Krise ist Nagelprobe für Unternehmenskultur

In der jetzigen Krise sehen Mitarbeiter sehr deutlich, wie ihre Arbeitgeber sie behandeln, wie groß das Commitment der Unternehmen für ihre Belegschaften wirklich und auch in Krisenzeiten ist. Illoyalitäten und Vertrauensbrüche werden sich die Beschäftigten sehr genau merken.

Wir denken da zum Beispiel an ein Traditionsunternehmen, das zu Beginn der Krise völlig verantwortungslos "Corona-Prämien" für Außendienstmitarbeiter ausgelobt hat, die trotz der bekannten und erheblichen gesundheitlichen Risiken bereit waren, weiter Klinken zu putzen. Solche und vergleichbare krasse Defizite werden klare Auswirkungen auf die Bindung und die Identifikation der Mitarbeiter mit ihrem Unternehmen nach der Krise haben.

6. Gen Z wird neue Erfahrungen in einem geänderten Umfeld machen

Die Generation Z hat den Arbeitsmarkt bisher ganz überwiegend als Arbeitnehmer-Schlaraffenland kennengelernt. In einem nach der Krise umgewälzten Arbeitsmarkt-Umfeld werden diese jungen Leute deutlich veränderte Bedingungen vorfinden. Nicht mehr jeder Wunsch wird ihnen von den Lippen abgelesen und prompt erfüllt werden. Das wird eine neue Erfahrung für diese Gruppe sein und sie wird sich auf diese veränderten Bedingungen einstellen müssen. Es wird sehr spannend werden zu beobachten, mit welcher Flexibilität und Bereitschaft die jungen Kolleginnen und Kollegen diesen veränderten Bedingungen begegnen werden.

Andreas Herde (li.) ist Gründer und Geschäftsführer von YeaHR! und spezialisiert auf Employer Branding und Recruiting im digitalen Umfeld.  Oliver Burauen ist Managing Director und Co-Inhaber von Grapevine Marketing.

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