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Lesedauer 4 Min.

Fehlerkultur adé! Warum der Fall Kliemann ein Desaster ist

Deutschland empört sich. Wir haben es doch in Wahrheit schon immer gewusst: Diese Influencer sind Betrüger, ein redlicher Beruf ist das nicht. Endlich hat Deutschland den lebenden Beweis: Fynn Kliemann!
© W&V

Ich sitze am Schreibtisch, schreibe diese Kolumne und fühle mich wohl in meinem Oderso- T-Shirt. Es ist eine der Marken des Mannes, der seit Wochen eine ordentliche Medienpeitsche aushalten muss, dessen Marken – und dazu gehört auch Oderso – massiv leiden werden.

Ich war nie ein Kliemann-Fanboy, ich kannte ihn nur als Influencer, bis meine Frau mir zwei Shirts aus seiner Kollektion schenkte. Erst danach setzte ich mich richtig mit dem Unternehmer Kliemann auseinander. "Können wir die jetzt noch anziehen?", fragten wir uns, als Jan Böhmermann, der Aufdecker der Nation, Fynn Kliemann und seinen Clan vor die Flinte nahm. Für mich persönlich habe ich die Frage inzwischen beantwortet: Ich sage ja zu Oderso, ich sage ja zu Fynn Kliemann, und ich habe mir lange Gedanken dazu gemacht. 

Die Bubbles versagen

Ich weiß nicht, wie oft ich in den deutschen Leitmedien oder auf Linkenin davon gelesen habe, wie wichtig es ist, Fehler zu machen. Wie wahnsinnig wichtig eine gute Fehlerkultur unter anderem in der Unternehmensführung ist, und recht oft musste ich darüber schmunzeln, weil ich mich fragte: Wird die Fehlerkultur-Bubble auch dann noch über Fehler jubeln, wenn wirklich mal ein echter Fehler passiert? Und wird sie dann die Entschuldigung des Sünders ebenso feiern? Oder wird die Fehlerkultur-Bubble genau in diesem Moment von der Hater-Bubble einfach überrollt, übernimmt dann die Medien-Bubble und ordnet ein?

Schon der Fall von Ex-Ministerin Anne Spiegel hat kürzlich gezeigt: Im Zweifel labern wir gerne schöne Worte, meinen es aber nicht ernst, wenn es drauf ankommt. Der Case Kliemann zeigt vieles, vor allen Dingen hat Deutschland endlich seine Bestätigung: Influencer sind eben doch Betrüger, ein ordentlicher Beruf ist das nicht. Wir sind und bleiben Oldschool.

Mehr und mehr habe ich den Eindruck, dass sich Deutschland einfach nur selbst anlügt, so dass es beinahe lächerlich ist. Je nach Bubble feiert man sich für Diversität, für Achtsamkeit, für Nachhaltigkeit und für... Fehlerkultur. In Wahrheit aber braucht es Quoten und Diversitäts-Beauftragte, es geht weiter meist nur um Profit, nicht um den Menschen. „Nachhaltig“ gilt nur als Warnung-Begriff, dass wir es mit dem Klima endgültig und nachhaltig verbockt haben.

Zurück zu Fynn: Nach dem Investigativbericht hat er sich gemeldet und entschuldigt. In Sachen Fehlerkultur ein Muss! Sehr bald hat er den nächsten Fehler begangen, er gab Interviews. Er vertraute unter anderem Stern und Spiegel. Medien-Formate, die in der Vergangenheit immer wieder über den positiven Aspekt der Fehlerkultur geschrieben haben, die aber plötzlich ihre Haltung verließen, und wie der Boulevard auf Reichweitenfang gingen.

Am Pranger wegen der Quote

Nur einen Klick weiter wollten sie – wie viele andere- nichts mehr von Fehlerkultur wissen. Es folgte die Welle der Einordnung. Ein Wort, das ich rein kommunikativ schon immer bitter fand. Medien ordnen ja gerne mal ein. Mit welchem Recht eigentlich? Vor allen Dingen dann, wenn die Einordnung in Wahrheit eine Beurteilung, eine Meinung ist. Dahinter aber wenig Wissen steckt. Unter dem Deckmantel der Einordnung wurde Quote gemacht, wurden Klicks generiert, wurde ein Mensch vorverurteilt, an den modernen Pranger gestellt.

Um es ganz klar zu sagen: Bevor ein Richter Fynn Kliemann nicht wegen Betruges verurteilt hat, hat er nicht betrogen. Solange nicht bewiesen ist, dass eine Straftat vorliegt, hat Kliemann Fehler begangen. Mögen sie auch noch so schwer gewesen sein, unter dem Aspekt der Kultur hätte längst ein Lernprozess einsetzen müssen. Hier kann man Fynn Kliemann vorwerfen, dass er längst hätte aktiv werden müssen. Sein letztes Insta-Erklärvideo stammt vom 6. Mai.

Wieder ein Fehler, aus dem er lernen muss, und wahrscheinlich auch seine Anwälte. Mutmaßlich haben sie ihm den Text für das letzte Video vorgeschrieben, so klang es jedenfalls. Klug war auch das nicht, aber: Aus Fehlern lernt man ja bekanntlich. Es wäre ein guter Anfang, wenn sich große Teile der Medien ebenfalls entschuldigen würden, so wie all die Experten bei Linkedin, Insta, Tiktok und Facebook, sowie die Leader der Hater-Bubble, ansonsten kann niemand die Wichtigkeit der Fehlerkultur mehr ernst nehmen.  

Wer Achtsamkeit predigt, muss die Entschudligungen von Steinmeier, Anne Spiegel, Xavier Naidoo und Fynn Kliemann aushalten. Wer nachhaltig und divers leben will, kann unmöglich vorverurteilen. 

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