Klinik Wuhan

Den Bau von zwei Covid-19-Krankenhäusern in Wuhan konnte man im Livestream im Netz verfolgen.

Welche Themen wurden in den chinesischen Medien am meisten diskutiert?

Während des gesamten Ausbruchs gab es deutlich mehr Debatten über die öffentliche Gesundheit: die Art der Epidemie, wie man sich schützt, ob es eine zweite Welle geben kann. Die Diskussionen habe ich sehr begrüßt. Die Top-Epidemiologen Zhong Nanshan und Zhang Wenhong wurden landesweit bekannt und als die heißesten Key Opinion Leader gehandelt, deren Worte ein enormes Gewicht hatte. Es gibt auch viele Gespräche, was die Regierung und die Zivilgesellschaft hätte besser machen können, wie das öffentliche Gesundheitssystem verbessert und Städte längerfristig sicherer gemacht werden können. 

Gab es auch den Blick ins Ausland?

Ja, angesichts der weltweiten Pandemie war das wichtig. Chinesische Medien forderten Akteure in Europa, Amerika und anderen asiatischen Ländern auf, über ihre eigenen Erfahrungen mit der Virenbekämpfung zu berichten. Einige chinesische Studenten aus Übersee wurden zu Covid-Vloggern. Der internationale Vergleich war immer ein heißes Thema in den sozialen Medien. Persönlich faszinieren mich am meisten Artikel über die Post-Covid-Welt: Wie wird die Globalisierung, wie die Lieferketten beeinflusst? Wie könnte sich die Weltordnung verändern, wie entwickelt sich die Beziehung zwischen den USA und China?

Das Virus hat überall Existenzangst und Existenzverlust verursacht - wie berichten die Medien darüber?

In China waren die Provinzen Wuhan und Hubei am stärksten betroffen. Ganz China schaute im Februar auf diese Regionen. Es gab Echtzeit-Newsfeeds, investigative Berichte, Features, TV-Dokumentationen und persönliche Berichte mit Details aus den Intensivstationen und Familien, die ihre Lieben verloren haben. In gewisser Weise weinten wir alle und waren mit unserem Herzen dabei.

Ich selbst folgte einigen lokalen Vloggern aus Wuhan auf Weibo. Sie veröffentlichten visuelle Tagebücher über den Lockdown, interviewten Ärzte, Krankenschwestern, Covid-Patienten und deren Familien, sowie wichtige Helfer und mutige Freiwillige, die die Stadt am Laufen hielten. Die Geschichten machten mich traurig, gaben mir aber auch Hoffnung, dass wir mit Glauben, Entschlossenheit, und auch mit etwas Humor irgendwann aus diesem Tal herauskommen würden. Ich bewundere diese tapferen Menschen sehr, die mit ihrem wunderbaren Beitrag ihr eigenes Leben riskiert haben. 

Blogger

Ovid-Vlogger geben Einblicke in die Situation während der Krise.

Im Westen denkt man oft, dass chinesische Journalisten unkritisch berichten – ist das ein Mythos, ein Klischee? Und wie manifestiert sich das in der Krise?

Ich hoffe, wie man aus den obigen Beispielen erkennen kann, dass dies eine ziemliche Vereinfachung eines komplexen Bildes ist. Zurzeit sehen wir tatsächlich viele solcher Simplifizierungen. Es werden recht schnell Etiketten vergeben, ohne die dahinter liegende Komplexität zu untersuchen. Das sehe ich in den sozialen Medien, aber auch in einigen Erklärungen von Politikern. 

Welche Strategie verfolgte Shanghai, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, wie wurde die Stadt vorbereitet?

In Shanghai hatten wir viel Glück. Bei einer Bevölkerungszahl von über 25 Millionen und als internationalen Metropole mit enormem Bevölkerungszustrom gab es lediglich 300 lokal bestätigte Fälle. Hinzu kamen weitere rund 300 importierte Fälle mit sieben Toten bisher. Shanghai hat früh gehandelt und seine Lehren aus SARS gezogen. Damals beschloss die Stadt, in ein Public Health Clinical Centre zur Behandlung eines möglichen zukünftigen Ausbruchs von Infektionskrankheiten zu investieren. Das Zentrum verfügt über 300 Unterdruck-Kammern. Zudem gibt es Platz für 300 weitere Stationen.

Diese Initiative hat sich als sehr weitsichtig erwiesen. Alle positiven Covid-Fälle in Shanghai wurden in das Zentrum gebracht. Die gut ausgebildeten Sanitäter mit professionellen PPEs (personal protective equipment) im Zentrum sorgten auch dafür, dass sich über 90 Prozent der Patienten von der Infektion erholen konnten. Ein weiterer Baustein: Viele meiner Expat-Freunde waren beeindruckt davon, wie Shanghai Woche für Woche zehntausende Rückkehrer in die Stadt durch die Sicherheitsvorkehrungen geleitet hatten.  

Das Shanghai Public Health Clinical Centre verabschiedet seine geheilten Coronapatienten medienwirksam.

Das Shanghai Public Health Clinical Centre verabschiedet seine geheilten Coronapatienten medienwirksam.

Wie funktionierte das konkret?

In diesem sogenannten "Closed Cycle" Modell machten die Ankommenden einen PCR-Test (Polymerase-Kettenreaktion, Covid-19-Schnelltest) und wurden in speziellen Bussen in die Quarantäne-Zentren gebracht, wo sie auf die Testergebnisse warteten. Positive Fälle blieben im Zentrum, negative Fälle wurden zu einer 14-tägigen Beobachtung in Quarantänehotels verlegt. Das war ein extremer Aufwand, der sich aber ausgezahlt hat.

Unmittelbar nach der Aufhebung des Shutdowns wurde ein Plan vorgestellt, wie Shanghai unter Gesundheitsaspekten zur sichersten Stadt der Welt werden soll: durch Optimierung der Gesundheitsüberwachungs- und des Frühwarnsystems, der Modernisierung der Krankenhäuser und dem Bau zukunftsorientierter Einrichtungen zur Prävention und Bekämpfung von Krankheiten usw. Im Vergleich zum Gesundheitssystem führender Nationen wie Deutschland hat Shanghai noch etwas aufzuholen. Umso mehr freue ich mich, dass die Stadt dieses wichtige Thema in Angriff nimmt.

Wie haben sich die Menschen in Shanghai verhalten, wie haben sie die Situation aufgegriffen?

Die Menschen in Shanghai sind dafür bekannt, dass sie sich sehr um ihre Gesundheit sorgen. Wenige Tage nach dem Ausbruch meldete Taobao, Chinas größte E-Shopping-Plattform, mehr Bestellungen von Masken aus Shanghai als von anderen Orten in China. 

Chinesische Netizens kommentierten scherzhaft: "Die Shanghaier haben die größte Angst vor dem Tod". Rückblickend können wir stolz sein auf das Erreichte. Das Tragen einer Maske, was in einigen westlichen Ländern zu Kontroversen geführt hat, war hier nie ein Problem. Die Menschen sind auch ohne Murren zu Hause geblieben, weil es ihnen wichtig war, im öffentlichen Interesse zu handeln. Im Februar war das sonst sehr trubelige Shanghai buchstäblich eine tote Stadt. Auf der Straße oder im Park hat man niemanden gesehen. Es war eine ungewöhnliche, aber auch schöne Zeit der Stille.    

Wie sieht Deiner Meinung nach die neue Normalität in China aus? 

Inzwischen ist unser Leben so gut wie wieder normal: Schulen sind wieder geöffnet, Geschäfte, Cafés und Restaurants, Züge und Flugzeuge füllen sich wieder – auch Shanghai Disneyland ist wieder offen für Besucher, das erste unter allen Disney-Resorts. 

Als echte Bürger von Shanghai tragen wir weiterhin eine Maske im öffentlichen Raum. Ich denke, das ist das neue Mode-Statement von 2020 – und der sichtbarste Ausdruck von "neuer Normalität". Die Regierung hier betont gerne zwei Botschaften: "Gute Ergebnisse bedeuten nicht, dass der Kampf beendet ist" und "Schritt für Schritt" die Wirtschaft öffnen. Wir haben unser normales Leben nicht von heute auf morgen zurückbekommen – es hat zwei bis drei Monate gebraucht.

Wir sind langsam vorgegangen. Die Regierung hat das Wasser immer zuerst getestet, wie wir sagen, bevor sie den nächsten großen Schritt getan hat. Wir hatten uns alle eine schnellere Rückkehr zu einer Normalität gewünscht, aber wir respektieren das geduldige Vortasten. Letztendlich müssen alle Regierungen ein ausgewogenes Verhältnis zwischen der Wiederaufnahme der Wirtschaft und der Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit finden.


Das war die letzte Folge meines Corona-Tagebuchs aus Shanghai. Ich beende es mit der 18, weil die Acht in China eine besonders beliebte Glückszahl ist. Sie wird in Kantonesisch wie „fa“ ausgesprochen, was „bevorstehender Reichtum“ bedeutet. Für Autokennzeichen, auf denen alle Zahlen Achten sind, werden zum Teil fünfstellige Eurobeträge bezahlt. Auch Telefonnummern mit möglichst vielen Achten sind sehr beliebt, besonders bei Unternehmen. Hoffen wir damit, dass der Wohlstand wieder zurückkehrt. Aber vor allem gilt weiterhin: Bleiben Sie gesund!


Stefan Justl verantwortet als General Manager das Geschäft von Storymaker in China. Die Kommunikationsagentur sitzt in Tübingen, München, Berlin, Beijing und Shanghai. Direkt vom Shanghai-Homeoffice aus berichtete er regelmäßig auf wuv.de über die Auswirkungen von Corona in China, den Umgang mit der Krise und wie es dort weitergeht. 

Den Pilot der Serie "Arbeiten in Shanghai: 45 Tage Corona-Schockstarre" lesen Sie hier. Hier geht's zu den Beiträgen über Einkaufendie Gesundheits-App , SchutzmaskenHomeschoolinghilfreiche Appssaubere LuftTeleshoppingdeutsche Unternehmen in ChinaHumorBüroalltagMarketingUrlaubMessenMedienvirtuelle KommunikationKrisenberichterstattung und Werbung



Autor: W&V Leserautor

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